Mit dem Langlaufschlitten beim Engadin-Skimarathon 2014


Vor ein paar Jahren kam ich zum ersten Mal ins Engadin zum Langlaufen.
Das Gleiten in der Sonne über die zugefrorenen Seen begeisterte mich sogleich.
Beiläufig erfahre ich vom Engadin Skimarathon, der jedes Jahr Anfang März hier stattfindet. 42 Kilometer, über 13 000 Teilnehmer, Profisportler treten ebenso an wie Volksläufer, manche in lustiger Verkleidung. Klingt interessant.

Im Internet finden sich Bilder vom Skimarathon aus der Luft. Tausende Läufer, winzige Punkte auf den Weiten der zugefrorenen Engadiner Seen. Das ist mehr als Sport, das ist Kunst, das ist Ästhetik! Einer dieser Punkte will ich auch einmal sein! Einige Jahre schob ich den Plan vor mir her. Für einen Rollstuhlfahrer ist die Sache nicht ganz unproblematisch. Die weite Anfahrt wäre noch das wenigste. Aber ein Quartier finden, mit Shuttlebussen zum Start gelangen und vom Ziel zum Auto zurück: es ergeben sich da Probleme, die mich jahrelang zaudern ließen.

skimarathon_2014_KleinWinter 2014. In den Nordalpen lag so wenig Schnee wie selten. Fürs Langlaufen reichte es gerade so, zumindest auf höher gelegenen Loipen. Die übliche mehrwöchige Erkältung blieb mir in dem Jahr erspart und ich kam für meine Verhältnisse ganz gut in Schwung. Irgendwie wurde mir klar: Es ist soweit, es führt kein Weg mehr vorbei am Engadin Skimarathon. Jünger werde ich auch nicht. Eine Anfrage beim Organisationskomitee, ob ein Start für Handicap-Sportler möglich ist, wird freundlich bejaht. Begleitperson sei aber unbedingt empfehlenswert, heißt es. Kein Problem. Am 9. März ist der Start.

Zwei Wochen davor. Langsam werde ich unruhig. Da hilft nur noch eins: soviel wie möglich trainieren. Darum fahre ich gleich nach der Arbeit zur Loipe in Scharitzkehl. Eine kurze Rundloipe auf einer geneigten Wiese. Auf der einen Seite geht’s nur bergab, auf der anderen nur bergauf. Ein paar Runden drehe ich da, die Form ist wirklich erfreulich. Eine andere Loipe gibt’s auch noch. „Nur für Geübte“ steht auf einem Schild. Na ja, warum nicht? Die Loipe weist ein paar kurze, aber steile Anstiege und Abfahrten auf. Ich fühle mich bestens. Engadin, ich komme. Eine letzte Abfahrt noch, dann bin ich fertig für heute.

Schneller als gedacht wird’s bei dieser Abfahrt. Unten ist das Gelände flach, allerdings ist da eine Kurve. Mit den Stöcken stochernd leite ich die Richtungsänderung ein. Es stellt mich quer und seitlich rutschend fängt es mich plötzlich in einer gefrorenen Rille. Ich kippe um und falle auf einer Eisplatte genau auf meine rechte Schulter. Der momentane Schmerz lässt auf eine größere Verletzung schließen, auch schlecht wird mir. Einen anderen Läufer frage ich, ob er irgendwo einen Knochen herausschauen sieht, was der verneint. Das ist schon einmal gut. Aber der Schmerz wird deswegen nicht besser.

Mühsam gelange ich zum nahen Auto. Fahren geht einigermaßen. In der Ambulanz vom Krankenhaus erfahre ich nach Röntgen, dass nichts gebrochen oder angebrochen ist. Nur geprellt, gestaucht. Das AC-Gelenk, genauer gesagt Acromioclavicular-Gelenk, dessen Existenz mir bis dahin gar nicht bewusst war. Das kann ja heiter werden. Als Rollstuhlfahrer brauche ich schließlich meinen rechten Arm! Endlich daheim. Die Schulter tut so weh, dass ich nur die Schuhe ausziehe und mich in der Langlaufkluft samt Gamaschen ins Bett lege. Das sieht nicht gut aus für den Engadin Skimarathon…

Wenig später kommt auch noch der Bronchieninfekt auf, der mich in dem Jahr bisher verschonte. Mist. Ich nehme Medikamente und inhaliere. Das auch noch. In den Vorjahren dauerte es meistens Wochen, bis die Sache überstanden war.
Zehn Tage später können weder der Arm noch der Infekt als ausgeheilt bezeichnet werden. Trotzdem überweise ich kurz vor Anmeldeschluss das Startgeld. 133.- Euro, nicht gerade billig, egal, aber jetzt gibt´s kein zurück! Ohne dass ich besondere Vorstellungen gehabt hätte wie das eigentlich alles gehen soll.

Samstag 8. März. Um 9 Uhr fahre ich los. Gemütlich in Richtung Engadin. Allein. Alle möglichen Begleitpersonen fielen aus unterschiedlichen Gründen aus. Auch egal. Irgendwie wird’s schon gehen. Meinem Hals führe ich auf der Fahrt über einen Spender immer wieder Honig zu, in der Hoffnung, dass das die Heilprozesse fördern möge. Viel Zeit bleibt ja nicht mehr.

An der Schweizer Grenze beginnt der Schnee, der schnell mehr wird. In Höhe St. Moritz liegen eineinhalb Meter. Wundervoll die verschneiten Berge. Da ich nicht weiß, ob ein Gepäcktransport vom Start zum Ziel auch für Rollstühle möglich ist, hinterlege ich im Zielgelände in S-chanf vorsichtshalber einen Rollstuhl und ein paar Sachen zum Umziehen. Weiter geht’s nach St. Moritz-Bad. Dort ist die Startnummernausgabe. Dass viele Tausend Teilnehmer ohne große Wartezeiten an ihre Startnummern kommen, ist wirklich eine großartige organisatorische Leistung.

Ich erhalte meine Startnummer von der netten Frau Fabienne, die schon meine Anfragen über Email beantwortet hat. Sie fragt mich ob ich gut organisiert bin oder so ähnlich. „Danke, geht schon“ sage ich, obwohl ich nicht recht weiß, was sie meint. Wahrscheinlich meint sie ob ich eine Übernachtungsgelegenheit habe.
Hab ich noch nicht, aber immer der Reihe nach. Die Startnummer ist vorläufig einmal das Wichtigste. Weiter fahre ich nach Maloja zum Start. Im Palace Hotel hinterlege ich meine Langlaufausrüstung, um das Zeug nicht am nächsten Morgen beim Transport mit dem Shuttle-Bus mitführen zu müssen. Gut, das hätten wir auch. Schön langsam kann man ja mal an ein Quartier denken.
Der Herr ist mein Hirt, er führt mich auf grüne Weide, mir wird an nichts mangeln, denke ich mir, bei ansonsten eher dürftig ausgebildeter Religiosität.
Wie sollte es auch anders sein, wenn ich daherkomme?

Die Massenlager in Turnhallen und Zivilschutzanlagen sind schon seit Monaten ausgebucht. Im Maloja Palace-Hotel wäre noch was freigewesen, aber für 600 Fränkli. 500 Eur, für eine kurze Nacht. Wahrscheinlich Abendessen extra. Für einen sparsamen Menschen ist das natürlich zuviel. Ich fahre zurück nach Sils-Maria, wo ich ein nettes Hotel kenne. Zweimal bin ich hier schon untergekommen. Es ist kaum wiederzuerkennen, umgebaut und zwei Stock höher. Zimmer ist trotzdem keins frei. Ich sage, dass ich kein Bett brauche, Schlafsack und Matte dabeihabe, nur eben irgendeine Ecke, wo nicht Außentemperatur herrscht. Aber auf solche Gäste sind die Schweizer Hotels natürlich nicht eingerichtet. Eine nette Dame, die im Empfangsbereich sitzt, setzt ihr Handy in Betrieb. Sie kenne da jemand, eine Vermieterin in der Nachbarschaft, die wisse immer eine Lösung. Klingt gut, das Problem ist nur, dass die Dame, die für alles eine Lösung hat, nicht ans Telefon geht.

Tja, was nun? Irgendwie dämmert mir, dass das einzige zur Verfügung stehende Quartier wohl der Kofferraum meines Autos ist. Zum Glück habe ich meinen Schlafsack dabei. Seit beim Biwak in der winterlichen Matterhorn-Nordwand vor vielen Jahren zur Nachtruhe nur ein festgefrorener Stein für eine Pobacke zur Verfügung stand, sehe ich ungemütlichen Nächten eher gelassen entgegen. Was zum Matterhorn noch zu sagen wäre, ist, dass ich mich auf besagtem Stein auch nur halten konnte, weil ich über eine lange Seilschlinge an einem Haken festgebunden war. Ich schlief dort nicht einmal so schlecht. Schön wenn man so etwas einmal erlebt hat. Dagegen ist der Kofferraum eines Autos natürlich ein Komfortzimmer.

Auf einem Parkplatz in St. Moritz-Bad treffe ich die weiteren Vorbereitungen. Ich wechsle die Kleidung, ziehe alles an, was ich am nächsten Tag brauche, mache mich sozusagen startklar. Im Kofferraum lege ich den Schlafsack aus.
Als ich fertig bin geht die Sonne unter. So, was mach ich jetzt? Dass die Zeit vergeht, fahre ich auf den Berninapass und betrachte durchs Fernglas die wundervollen Berge.

Auch bei der Talstation der Diavolezzabahn komme ich vorbei. Ich erinnere mich an die grandiose Skiabfahrt vor einigen Jahren.
Ich war allein unterwegs mit meinem Monoski. 25 Euro kostete die Auffahrt. Oben einmaliger Blick zum Piz Palü. Das Herunterfahren gefiel mir dann so gut, dass ich beschloss, noch einmal hinaufzufahren.
Noch einmal 25 Euro. Begleitperson für Behinderte wäre frei.
An der Kasse argumentiere ich, dass ich als Behinderter allein unterwegs bin, sozusagen meine eigene Begleitperson und mir deswegen für die zweite Auffahrt doch eigentlich eine Freifahrt zustehen müsste.
Die Dame an der Kasse hat so einen Fall noch nicht gehabt aber ich kann sie
überzeugen und darf gratis fahren. Woran ich mich noch erinnere: Bei der zweiten Abfahrt war es bereits ziemlich spät, die weiten Hänge lagen alle im Schatten und die Temperatur sank rapide. Ich der einzige Mensch weit und breit. Ein mulmiges Gefühl. Froh war ich als ich wieder unten war.

Auf einem Parkplatz nehme ich das Abendessen ein. Nudeln aus der Tuperdose. Meine Pastaparty. Daheim aus der Pfanne haben sie besser geschmeckt, wie man sich leicht denken kann. Egal, Kohlenhydrate sind wichtig vor einem Wettkampf.

Als es dämmrig wird, fahre ich zum großen Parkplatz bei der Olympiaschanze nahe St. Moritz-Bad, wo sich eine Haltestelle für die Shuttle-Busse befindet. Den Rollstuhl stell ich neben das Auto. Ich selbst verkrieche mich im Kofferraum in den Schlafsack. Ausgelegt von plus 20 bis minus 3 Grad ist der nicht der allerwärmste. Drum lege ich noch einen Anorak an und ziehe mir meine Sturmmütze tief ins Gesicht.
Die erste Viertelstunde ist gemütlich warm, aber leider nur die.
Mein Schlafplatz liegt in 1800 Meter Höhe, draußen sternklare Nacht.
Die Kälte ein kriechendes Wesen. Ziemlich bald wache ich auf. Besonders in Hüfthöhe, wo der Anorak aus ist, wird es auch im Schlafsack elendig kalt. Viel Platz ist im Kofferraum von so einem Golf Kombi ja auch nicht gerade. Immer wieder wechsle ich umständlich die Lage, sortiere Kleidung und Schlafsack. Stoische Gemütsverfassung ist gefragt. Nach dem Herumgewurstle schlafe ich zum Glück meistens bald wieder ein. Irgendwie komisch ist das ja schon hier. Schließlich bin ich schwerbehindert. Laut Ausweis zu 100 Prozent, unbefristet, das heißt, nicht einmal die Rentenversicherung will an eine Besserung glauben.
An Merkzeichen besteht auch kein Mangel: „H“ für hilflos, „B“ ständige Begleitperson erforderlich. Das gilt vermutlich auch für die Nacht. Ich sollte also grundsätzlich nicht allein schlafen. Und hier schon gar nicht.
Wohingegen „RF“ für Ermäßigung beim Rundfunkbeitrag im Moment eher weniger wichtig ist. Wie soll ich morgen 42 Kilometer weit kommen? Keine Ahnung, aber alles der Reihe nach!

Irgendwann wird es am Parkplatz lebendig. Immer mehr Autos fahren vor, Stimmengewirr, Geklapper von Ausrüstung. Dabei ist es doch noch finster. Irgendwann merke ich dass es nur noch unter meiner Sturmhaube finster ist, draußen schon lange nicht mehr. Also Aufstehen. Raus aus dem Schlafsack, rein in die eiskalten Schuhe. Im Auto hat es minus 8 Grad, die Scheiben sind total vereist. So eine Kälte sind auch die Finger nicht mehr gewohnt. In kürzester Zeit werden sie kalt und „nageln“, wenn ich sie unter die Achseln klemme. Zum Glück habe ich bereits gestern alles was ich brauche griffbereit hergerichtet.

Eigentlich wollte ich in der Früh eine weitere Portion Nudeln zu mir nehmen.
Der Appetit lässt allerdings zu wünschen übrig. Essbar wären die gefrorenen Nudeln eh nicht. So besteht das Wettkampffrühstück aus einem Balisto, zwei Schmerztabletten und einer Tasse lauwarmem Tee aus der Thermosflasche. Die Tabletten nehme ich wegen meiner Schulter ein. Im Moment schmerzt sie nicht aber wer weiß was ihr bei Kilometer 25 einfällt. Zuletzt lege ich noch die Startnummer an, dann wird es auch schon Zeit dass ich mich zur Haltestelle begebe. Der Rollstuhl, der die Nacht im Freien verbracht hat, ist von einer dicken Reifschicht überzogen. Na ja, zum Bus sind es nur ein paar Meter.

Wie der Parkplatz liegt auch die Haltestelle im Schatten. Eine halbe Stunde dauert es, bis endlich ein Shuttlebus anhält. Zwar fahren pausenlos welche vorbei, aber die sind übervoll. Zum Glück habe ich die Jacke angelassen. Sie ist wirklich ihr Geld wert.

Beim Maloja Palace bitte ich jemand, mir meinen Langlaufschlitten herauszubringen, der in der Nähe der Rezeption hinterlegt ist. Da sei nichts, sagt er, als er wieder herauskommt. Das wäre allerdings lustig! Natürlich ist alles da, er erkannte meinen Schlitten nur nicht als Sportgerät, sondern hielt ihn für eine Gepäckkraxe oder sowas. Das Startgelände liegt in der Sonne, endlich Wärme!
Ein anderer netter Mensch bringt noch meine Effekten-Tüte mitsamt dem Rollstuhl zur Sammelstelle hinter dem Hotel. Dass 13 000 dieser Tüten mit Wechselkleidung am Ziel sogleich den Besitzern übergeben werden können, auch das ist eine bewundernswerte logistische Leistung! Aber ins Ziel da muss ich erst einmal selber hin.

Gestartet wird in Blöcken zu etwa 1000 Läufern. Mein Start ist um 9.10 Uhr dran. Da die Zeitnehmung über einen Chip erst beim Durchlaufen der Startlinie ausgelöst wird, geht es ruhig und beschaulich zu. Niemand ist hektisch. Vorbei an anderen, die gerade ihre Ski anlegen, nähere ich mich der Startlinie. Auf geht’s! Und schon schiebe ich über den See. Die Skater sind natürlich alle schneller als ich. Nur nicht anstecken lassen! Defensive Technik ist angesagt. Ich versuche die Form einzuschätzen, was mir nicht recht gelingt. Nach ein paar Kilometern kommt eine winzige Steigung. Nur ein paar Meter. Aber hier wird klar, dass heute mein Tag nicht ist. Ich weiß ja genau, wie es sonst ist, wenn es bergauf geht. Das Gefühl, genug Kraft zu haben, einen ordentlichen Schub auch bergauf auf die Stöcke zu kriegen, ist durchaus lustvoll. Heute merke ich davon allerdings überhaupt nichts. Das kann ja noch lustig werden.

Die Verhältnisse sind traumhaft. Schönstes Wetter, die breite Piste auf dem See in der Morgenkälte noch hart gefroren. Ringsum verschneite Berge in der Sonne. Die Leichtigkeit des Vorwärtskommens, wie ich sie gewohnt bin, erlebe ich allerdings nicht. Nach Sils Maria fühle ich mich besser, finde einen besseren Rhythmus.
Bei der ersten Verpflegungsstation in Silvaplana bin ich froh um ein Rivella. Dann ist es auch schon nicht mehr weit zum berühmten Schanzenanstieg. Etwa 100 Meter geht es da ordentlich steil hinauf, Platz ist wenig. Meistens kommt es zu größeren Staus, bevor die Läufer in Viererreihen nebeneinander hinauf grätschen. Im Moment ist kein Stau.
Neben der Spur stehen Zuschauer, einer sieht kräftig aus und hat Bergschuhe an. Ich frage ob er ein bisschen schieben kann, was der sich nicht zweimal sagen lässt. Die Steigung ist wirklich elendig steil, für einen Handlangläufer allein unmöglich zu schaffen. Der Mann ist zum Glück kräftig und mit seinen festen Schuhen findet er genug Halt. Er muss ordentlich schieben aber ich muss auch mit aller Kraft die Stöcke einsetzen. Oben bin ich total fertig, laufe aber gleich weiter.

Es folgt eine Abfahrt runter nach St. Moritz-Bad. Durch den mondänen Ort führt die Spur zum Beginn des Anstiegs durch den Stazerwald. Ich kenne das Gelände nicht, hoffe dass es nicht weit bergauf geht. Es zieht sich aber doch ganz ordentlich. Flachstücke wechseln mit Steigungen. Ein Stück schiebt mich eine junge Zuschauerin, sonst muss ich allein klarkommen. Heute ist einfach nicht mein Tag! Ich plage mich elendig. Wann kommt endlich der höchste Punkt, von wo es nur noch bergab nach Pontresina geht? Es wird wirklich Zeit dafür! Noch ein Anstieg! Nicht weit, aber ich merke, dass mein rechter Arm nah dran ist einen Krampf zu entwickeln. Ich hab das deutliche Gefühl da nicht mehr hinaufzukommen, wenn ich keine Pause mache. Am Rand der Spur bleibe ich stehen und esse ein Balisto. Der längliche Riegel verwandelt sich in meinem Mund lediglich in eine trockene Kugel. Erst mit Hilfe von etwas Schnee krieg ich das Ding hinunter. Danach ist es zum Glück nicht mehr weit zum höchsten Punkt. 1835 m. Es folgt die gefürchtete Abfahrt durch den Stazerwald. Bremsen durch Pflugfahren oder Aufkanten der Ski ist beim Schlittenlanglauf nicht möglich.
So kann nur mit Hilfe der Stöcke verhindert werden, dass es zu schnell wird.
Ganz schön steil führt die Abfahrt durch lichten Wald. Langsam stochere ich hinunter, nur nicht die Kontrolle verlieren und gegen einen Baum fahren!
Einmal dreht es mich, ich falle aber nicht um.
Endlich eine freie Wiese, ich kann es laufen lassen. Neben mir stürzt einer, der dahinter kann nicht bremsen und fährt in den anderen hinein, dass es nur so kracht.

Endlich die Verpflegungsstation in Pontresina. Ich bin total fertig. Ich mache eine längere Pause, trinke mehrere Becher Rivella und esse Schokolade. Gedanken, den Marathon zum Halbmarathon umzuwandeln, verwerfe ich wieder. Es hilft nichts, ich muss weiter. Laut Streckenplan geht es nun etwas bergab. Leider laufen meine Ski überhaupt nicht, sogar Läufer mit Schuppenski überholen mich. Was ist da los!

Eine kurze aber sehr steile Steigung ist allein nicht zu schaffen, ein paar Meter schiebt mich ein Zuschauer. Neben der Landebahn vom Flughafen in Samedan geht es weiter. Hier ist die Spur gut. Mein Wachs passt offenbar zu den Schneeverhältnissen und endlich empfinde ich mein Vorwärtskommen als einigermaßen effektiv. Einige Kilometer geht es flach dahin.
In La Punt geht es durch den Ort. Hier wie in allen Orten, durch die man kommt stehen viele Zuschauer und feuern die Sportsmänner an. Mich besonders, man sieht es mir wohl an, dass ich mich ziemlich plagen muss. Bei einer Verpflegungsstation reicht mir eine Frau ein Rivella. Sie erkennt mich. Vor Jahren waren wir uns beim Langlaufen am Silser See begegnet, sprachen damals über den Marathon. Was für ein Zufall.

Nach La Punt kenne ich das Gelände von einem früheren Aufenthalt. Ein paar kleine Steigungen und Abfahrten führen zu ein paar Häusern in Höhe Zuoz. Dort eine letzte Verpflegungsstation. Ein paar Meter weiter eine letzte etwas anspruchsvollere Steigung. Vor ein paar Jahren kam ich allein problemlos hoch.
Heute sieht es anders aus. Es ist nicht mehr viel Kraft übrig. Ein letztes Mal findet sich ein netter Schieber, der mir über die steilste Passage hinweg hilft. Ein paar Kilometer sind es noch ins Ziel, immer leicht bergauf oder bergab. „Die Hügel“ nannte jemand das Gelände. Der Mann hatte Recht. Ein freundlicher älterer Herr läuft auf den letzten Kilometern mit mir, gelegentlich verschnaufen wir gemeinsam. Er ist über Pausen so froh wie ich.

Die letzte Steigung ist überwunden, das Ziel nah. Eine Abfahrt führt ins Zielgelände, es wird mir zu schnell und in einer Kurve falle ich auch noch um, komme aber allein hoch. Die letzten Meter geht es wieder leicht bergauf, jetzt reicht es aber wirklich! Der Sprecher stellt den Handicap-Sportler aus Bayern vor, Zuschauer klatschen, ich bemühe mich um eine lockere Erscheinung, mit wenig Erfolg.
Schließlich eine Farbmarkierung im Schnee. „Bin ich durch?“ Ja sagt einer und hängt mir eine Medaille um. Gott sei Dank.
Ich trinke ein Rivella, zu Essen krieg ich nichts hinunter. Die Sonne scheint, mein Rollstuhl wird gebracht. Längere Zeit hocke ich im Zielraum herum, ziehe mich um, ein paar Fotos zur Erinnerung. Zum Auto zurück muss ich auch noch. Meine Hoffnung, dass jemand vom Organisationskomitee in die Richtung fährt, erfüllt sich nicht. Also mit dem Zug. Ein junger Armee-Angehöriger in Uniform schiebt mich die Straße hinauf zur nahen Bahnstation. Gerade rechtzeitig, der Zug ist schon am Abfahren. Bis Samedan fährt er, dort muss ich in einen Bus umsteigen. Der hält am Parkplatz wo mein Auto steht. Gott sei Dank. Ich fahre zurück zum Zielgelände, hole die zurückgelassenen Sachen. Beinahe hätte ich meine Langlaufausrüstung vergessen.

Was nun? 6 Uhr ist es. Spontan beschließe ich heimzufahren. Die Heimfahrt, 350 Kilometer, ohne etwas gegessen oder getrunken zu haben, ist noch eine Prüfung des Durchhaltevermögens an dem Tag.

In dem Jahr war ich der einzige Schlittenlangläufer. 5 Stunden 35 Minuten und ein paar Sekunden hab ich gebraucht, lese ich daheim in der Ergebnisliste. Das ist natürlich viel zu langsam. Ich werde noch mal hin müssen. Gleich im nächsten Jahr! Dann werde ich mich ein bisschen eher um ein Quartier kümmern. Natürlich darf man aber auch nicht vergessen dass ich in einer speziellen Klasse starte: wer in meiner Klasse starten will, muss erst von einem 30 Meter hohen Felsen herunterspringen. Wenige, die das tun, werden dann beim Marathon schneller sein, denke ich.
A.H. 06/2014