Korsische Nächte


Vor einigen Jahren begab es sich, daß der in der Blüte seiner Muskelkraft stehende Albert H. von zwei ihm in kameradschaftlicher Weise zugetanen Mädchen besten Alters als Begleiter und Beschützer für ihren zweiwöchigen Korsikaurlaub auserkoren wurde.
Korsika, Insel der Träumer und Romantiker, Spielwiese für Alpinisten, Skitouristen, Anarchisten. Erstere eher in den Buchten und Bergen beschäftigt, letztere mit Sprengungen von Ferienwohnungen.

Albert schien für die ihm übertragene Aufgabe des furchtlosen Beschützers nicht ungeeignet, hatte er doch seine Nervenstärke wiederholt bei waghalsigen Unternehmungen, -Steilwandabfahrten und Alleingängen im winterlichen Hochgebirge beispielsweise – , unter Beweis gestellt. Manchen schien es, als hätte er zu Angst und Furcht ein ähnliches Verhältnis wie jener, der auszog, das Fürchten zu lernen, bevor ihm seine Lebensgefährtin, die Prinzessin, Unken und Kröten ins Bett gekippt hatte.

Viel hatten die drei schon erlebt, umherfahrend mit dem alten VW-Bus, der ihnen als Stützpunkt und Schlafplatz diente und von dem aus sie mit ihren Mountain Bikes ins Gebirge starteten. Nach einem besonders gelungenen Ausflug hatten sie einen wundervollen Schlafplatz gefunden, auf einem Parkplatz abseits der Straße mit Blick über das weite Meer.

Nach dem Essen mit korsischem Wein, Weißbrot und Käse, hatten sie noch lange über das weite Meer geschaut. Nach und nach war die Dämmerung über sie gekommen und schwarze Nacht machte sich breit, langsam wie unaufhaltsam. Die Lager hatten sie bereits hergerichtet, was jedesmal mit einer umständlichen Prozedur verbunden war. Nach dem Ausladen der Fahrräder und diversen Gepäckumschichtungen war jeweils mit herausnehmbaren Brettern und Polstern die Liegeebene zu installieren.

Das flackernde Kerzenlicht wurde ausgeblasen und sie verkrochen sich in den Schlafsäcken. Da lagen sie nun, Albert wie gewohnt in der Mitte, die Flanken gewärmt von Andrea und Elisabeth. Da er nicht einschlafen konnte, kam es Albert in den Sinn, dass er die beiden Damen noch etwas verwöhnen könnte und zwar mit einer kleinen Gruselgeschichte zum Einschlafen.

Die Geschichte war nicht besonders originell – eine bessere wusste er aber nicht – und handelte von einem Gespenst, das einen goldenen Schuh verloren hatte, was es dazu veranlasste, sich zur Geisterstunde am Friedhof einzufinden und dort jeden Tag aufs neue auf gespenstisch unheimliche Weise in langgezogenen dumpf gesprochenen Worten dreimal das Anliegen ”…wo ist mein goldener Schuh…?” von sich zu geben. Der Effekt bestand darin, dass nach Einlullung der Zuhörer durch die völlige Ereignislosigkeit der Geschichte, außer dass das Gespenst mit seinem Anliegen in Erscheinung trat, am fünften Tag das letzte ”Schuh” laut auszuschreien war, was doch einen kleinen Schock hervorzurufen in den meisten Fällen zumindest bei nervenschwächeren Personen sich als geeignet erwiesen hatte. Doch soweit brauchte Albert diesmal die Geschichte gar nicht zu erzählen, da ruhige Atemzüge ihm vermittelten, dass seine beiden Begleiterinnen bereits in die erste REM-Tiefschlafphase eingetaucht waren. Seine psychologische Einfühlsamkeit legte ihm nahe, dass es wohl besser sei, die Geschichte am Morgen fertig zu erzählen.

Albert lag wach.
Ruhig lagen die Mädchen neben ihm.
Das nahe Meer gurgelte und gluckste.
Draußen stockdunkle Nacht.
Auf unerklärliche Weise war ihm unheimlich.
Da! War da nicht ein Knirschen von Kieselsteinen ganz nah am Bus?
Plötzlich hellwach, richtete er sich vorsichtig auf und horchte in das Dunkel.
Es war wieder ruhig, aber schlichen da nicht Schatten um das Auto, dunkler als die Nacht?
Das Blut pochte ihm in den Schläfen, er wagte kaum zu atmen.
Siedendheiß fiel es ihm ein: in der Dämmerung war der Bus von der Straße aus zu sehen. Ein Auto war auffallend langsam vorbeigefahren. Natürlich! Ganoven hatten das Auto ausgespäht. Ihrem untrüglichen Verbrecherinstinkt war es sicher sofort glasklar, dass ein Raubzug hier leichtes Spiel wäre. Ein Touristenbus war immer lohnend. Kein Auto, kein Haus weit und breit! Sie saßen in der Falle!
Ein Rascheln in den nahen Büschen ließ sein Blut in den Adern gefrieren. Inbrünstig hoffte er, dass es nur eine korsische Wildsau sein möge, aber er fühlte: sie kamen, hatten wahrscheinlich den Bus
schon umstellt. Korsische Banditen mit Pistolen, Schlitzmesser an die Stiefel geschnallt, die Nachfahren grausamer Seeräuber, die damals schon keine Gefangenen machten. Die Dolche vom vielen Gebrauch sicher schon ganz stumpf, was die Sache nur noch schmerzhafter machen würde. Realist, der er war, machte er sich nichts vor: ihn würden sie als ersten kaltmachen, dann die Mädchen, nachdem die Räuber sie… – nein! daran durfte er als ihr Beschützer gar nicht denken!
Alsdann wäre es ein leichtes, den geplünderten Bus samt Insassen auf Nimmerwiedersehen im Meer zu versenken. Das flaue Gefühl im Magen hatte sich ins Unerträgliche gesteigert. Ein Kloß im Hals nahm ihm die Luft.
Aufrecht saß er in seinem Schlafsack, jederzeit darauf gefasst, dass irgendein Fenster von einem Pistolenknauf zu Bruch geschlagen und eine Hand in einem schwarzen Lederhandschuh…

Nein! Hier war des Bleibens nicht und zwar keine Sekunde länger! Das Erwecken der Mädchen aus dem Tiefschlaf, das Umräumen von Fahrrädern, Liegestatt und Gepäck waren lästig genug, die Fahrt mit den aus für sie unverständlichen Gründen um ihre Nachtruhe gebrachten Mädchen wenig erheiternd. An anderer Stelle, nahe einer Straßenlaterne und einem Haus wurde das Lager erneut aufgeschlagen.

Kein Bandit, nicht einmal ein böser Traum störte alsdann die Nachtruhe, bis die Morgenröte einen neuen Tag des Abenteuers wach küsste. Albert H. beschloss, auf Einschlafgruselgeschichten zukünftig in eigenem Interesse zu verzichten.

… eine auf wahren Tatsachen beruhende Geschichte

A.H. 1/96

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