Mit dem Handradl aufs Stilfser Joch


Das Allerletzte

Früher waren der Walker Pfeiler oder der Pfeiler von Freney große Jahresziele. Das geht nicht mehr, aber einem flexiblen Menschen fällt immer was ein. Schon im Frühjahr war mir das Stilfser Joch in den Sinn gekommen. Dieses Ziel im Hinterkopf fuhr ich dementsprechend viel herum, war ganz gut in Form, bis mir im heißen Juli jegliche Lust zum Radln abhanden kam. Im verregneten August ging auch nicht viel, schließlich wurde es Herbst, die Lust ist wieder da, die Form nicht. Ich fahre ein bißchen rum, aber keinen einzigen weiten Berg und auch keine weite Strecke. Schließlich, Ende September, verspricht der Wetterbericht übers Wochenende für den ganzen Alpenraum das schönste Wetter, jetzt oder nie, trotz der zweifelhaften Form will ich es trotzdem mal versuchen.
An einem Donnerstag Nachmittag fahre ich los, über den Reschenpass nach Prad, dem Talort unterm Stilfser Joch. Als Taktik denke ich mir aus, am Abend noch eine große Portion Spagetti zu verdrücken, dann die Sache langsam und kraftsparend anzugehen und mich bei zu erwartenden Müdigkeitserscheinungen am Anblick der wundervollen Berge jeweils wieder aufzurichten. Als Proviant sollte genügen ein Rest Schweinsbraten, zwei Scheiben Brot, Schokolade, zwei Müsliriegel und zwei Flaschen Cola. Nach Vorinformationen soll es 27 km nur bergauf gehen, an die 1900 Höhenmeter, das ist doch um einiges mehr als alles was ich bisher gefahren bin.
Um 7.15 läutet der Wecker, jetzt wird´s ernst. Nach dem Frühstück fahre ich um 8.30 los. Am Ortsende beginnt die Steigung. Wenig spektakulär und nicht besonders steil führt die Straße an einem Bach entlang taleinwärts. Schattig und kühl ist es, hinter einer Kurve der erste Blick auf einen gleißenden Ortlergletscher, ich freue mich. Dauernd bergauf geht es so dahin, über Gomagoi nach Trafoi, wo endlich die Sonne über die Berge steigt. Ich mache eine kleine Pause, mit Blick auf die gewaltige Trafoier Eiswand des Ortlers. Gut zehn Kilometer liegen hinter mir, das war mehr zum Warmfahren, jetzt geht es richtig los. Die Kehren, 48 an der Zahl, sind von oben her nummeriert, leider liegen oft kilometerlange Geraden dazwischen. Also auf geht’s, es wird gleich merklich steiler, und – das darf doch nicht wahr sein – kaum bin ich losgefahren, verspüre ich eine völlig unangebrachte Mattheit in den Armen. Das kann ja heiter werden, denke ich mir, aber zum Glück legt sich das wieder. Im Bergwald geht es durchweg ziemlich steil dahin, die nächste Etappe ist die Franzenshöhe, wo ein Wirtshaus steht, bevor die Straße über einen eindrucksvollen Steilhang in vielen Kehren zur Passhöhe zieht. Fast nicht zum Glauben , dass das zwischen 1820 und 1826 gebaut wurde… Irgendwie habe ich im Kopf dass diese Höhe auf 1800 Meter liegt, und jetzt kommt und kommt sie nicht daher… Zum ersten Mal muss ich öfters stehenbleiben, fühle mich total schlapp. Von dort oben noch 1000 Höhenmeter? Das wird sich nicht mehr ausgehen… Endlich sehe ich das Wirtshaus auf einem Wiesenboden unter dem Steilhang. Die Höhe ist mit 2178 m angegeben, das ist erfreulich, aber erst mal bin ich platt… Pause. Der Schweinsbraten will nicht recht hinunter, auch das Brot nicht, aber es muss, ein Cola trinke ich auch aus, bevor ich mich für eine Stunde hinlege. Weiter. Noch 22 Serpentinen, 600 Höhenmeter, 6 Kilometer… Ein paar Kurven über dem Gasthaus zieht eine kilometerlange Gerade nach links in die Falllinie des Joches, bevor die Serpentinen endlich enger werden. Wenn ich nur schon dort wäre!
Diese Gerade erfordert unzweifelhaft Willensstärke. Ziemlich oft muss ich stehenbleiben. Der Blick ins Gebirge vermag mich auch nicht mehr wirklich zu erfrischen… Da sitzt einer neben der Straße, neben seinem Mountainbike, ein Landsmann aus nördlicheren Gefilden. Er meint, dass er hier umkehre, er sei so kaputt, dass er nicht einmal mehr schieben könne. Plötzlich sehe ich in der Nähe einen kleinen Brunnen. Den hätte ich glatt übersehen, wäre der da nicht gesessen… Er füllt mir seine Wasserflasche, die ich in einem Zug leere – klares, kaltes Wasser. Von da an geht es wieder unvergleichlich besser. Ich sollte doch mehr trinken, auch wenn ich keinen Durst habe. Nach der Elendsgeraden kommen noch jede Menge Serpentinen, aber die Hotels von oben lachen schon herunter. Die Zeit ist auch kein Problem, allerdings würde ich auch weiterfahren, wenn es finster würde. Noch eine Kehre und noch eine, zum Greifen nah ist die Passhöhe, die Straße steilt sich zum Schluss noch einmal auf, aber irgendwann dann Kehre 1, die letzte, noch eine Gerade bis hoch… Von oben schauen welche herunter, wahrscheinlich hat es sich schon herumgesprochen, dass da ein ganz komisches Gefährt im Anrollen ist… Die letzten Meter sind trotz der Müdigkeit wieder eine Freude, schließlich bin ich oben, auf 2760 m, höher als der Watzmann. Ich errege ungefähr soviel Aufsehen wie ein Ferrari, ein Handradl haben die meisten anscheinend überhaupt noch nicht gesehen, und am Stilfser Joch denkt man an sowas wohl am allerwenigsten… Manche klatschen, Frauen lächeln mir zu. „Tuto kompletto kaputto“, sage ich und deute auf meine Arme, aber es sind Schweizerinnen, so dass ich nicht weiter italienisch zu sprechen brauche. Komisch ist das, die Arme sind wirklich völlig am Ende, während der Rest des Körpers keine besonderen Müdigkeitserscheinungen verspürt. Das Handradfahren bergauf ist doch eine ziemlich alleinige Angelegenheit der Arme, der Rest wird sozusagen gefahren.
16 Uhr ist es vorbei, aber dort oben ist es so warm, dass man in der Badehosen sitzen könnte.
Lange hocke ich oben auf einem Mäuerchen neben dem höchsten Bratwurststand Europas, worauf der Betreiber, ein lustiger Bursche mit Filzhut, immer wieder hinweist. Vielen Motorrad- und Autofahrern mit offensichtlich sündteurem Blech ist die Wurst aber zu teuer.
Mir nicht, dass ich mir daran einen Zahn halb ausbeisse muss als ungerecht bezeichnet werden. 8 Stunden (7 Std. netto) war die Fahrzeit. Wahrscheinlich gibt es Handradler, die in der Hälfte der Zeit hochkommen, es ist eine Frage des Trainings, mir als ausschließlichem Freizeit- und Vergnügungsradler geht es mehr ums Naturerlebnis und darum, aus eigener Kraft überhaupt hinaufzukommen. Es stellt sich ja immer die Frage, was die die so schnell unterwegs sind, mit der eingesparten Zeit eigentlich anfangen… Jedenfalls reicht auch mir die Zeit noch aus, dass ich über 11⁄2 Stunden obensitze. Als die Sonne untergeht, fahre ich schließlich langsam wieder hinunter und denke mir, dass es hinauf wirklich ganz schön weit war…
Zurück im Quartier. Eine große Anstrengung und ein ebensogroßes Erlebnis ist wieder einmal zu Ende. Zur Erlangung des inneren Gleichgewichts bzw. zur Ausschüttung der dafür erforderlichen körpereigenen Substanzen scheint wirklich nichts geeigneter zu sein als sich hin und wieder mal ordentlich zu schinden.

Stilfser-Joch-Kehren

Stilfser Joch Strasse oberhalb der Franzenshöhe:
Noch 22 Serpentinen, 600 Höhenmeter, 6 Kilometer…

Stilfser-Joch-oben

Oben angekommen: Das Lächeln
wirkt noch etwas geschmerzt…

A. H. 09/2006

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