Mit dem Handradl aufs Kitzbühler Horn


(Die seltsamste Art auf einen Berg hinaufzukommen)

Im Internet befleißigte sich ein sporttreibender österreichischer Berufsinvalide der Bekanntgabe, dass er als erster Mensch das Kitzbühler Horn mit dem „Hand-Bike“ bezwungen habe, ein Ereignis, das er für bedeutsam genug hielt, neben der regionalen Presse auch das Fernsehen zu seiner Fahrt vorzuladen. Die Meldung erinnerte mich daran, dass ich noch zu meiner Zeit als Normalradfahrer, nachdem ich gehört hatte, dass bis zum Gipfel eine Asphaltstraße führe, dort immer schon einmal hinauffahren wollte. Nun, die Idee war neu geboren, trotz der veränderten Ausgangslage. Monate später, September, am Anfang einiger Urlaubstage. Neugierigerweise fahre ich mit dem Auto mal hin, bloß mal schaun… Und beschließe, die Sache abzublasen: Zu lang, zu steil, viel zu wenig Bergstrecken gefahren heuer, eine andere Übersetzung bräuchte ich auch, so komme ich da nie hinauf, Mensch und Material sind nicht geeignet…
Zehn Tage Urlaub und einige relativ weite Radltouren später ist mir klar: es ist Zeit fürs Horn. Das Wetter ist prächtig, ich fühle mich in Form, die zwei Rasttage nach dem letzten und weitesten Radausflug waren genau richtig. Mit einem komisch flauen Gefühl im Magen – warum eigentlich? – fahre ich an einem Freitag Morgen los. Am Ortsbeginn von Kitzbühl, man kann sich nur wundern was die ganze Prominenz an diesem Kaff so gut findet, das Schild: ›Kitzbühler Horn‹. Ich parke das Auto, lade in gewohnter Mühseligkeit mein Radl aus, etwas Wechselwäsche, Brotzeit und zwei Flaschen Cola werden verstaut, und schon kanns losgehen. Von Anfang an, noch zwischen den Häusern, geht es reichlich steil bergauf. Ich zwinge mich, langsamer zu fahren als ich könnte und den ersten Gang lege ich auch gleich ein. Es ist noch weit genug, und schneller fahren kann ich oben ja immer noch. Ein kurzes Flachstück noch durch Wiesen in der Morgensonne mit schönem Blick auf den Wilden Kaiser, dann geht es richtig los. 1000 m Höhenunterschied und 9 km zwischen 14 und 18% Steigung ohne nennenswerte flachere Passagen sind es bis zum Ende der Fahrstraße beim sog. Alpenhaus. Gefragt ist also eine sparsame Einteilung der Kräfte. Ich fahre immer so weit, wie es die Arme einigermaßen mitmachen, stehenbleiben, Bremse ziehen um nicht rückwärts zu rollen, etwas verschnaufen, die Arme sich erholen lassen und weiter. Salamitaktik nennt man das. Besonders schnell geht das natürlich nicht. Hilfreich ist der Gedanke an die Kontinentalverschiebung. Um ein bis zwei Millimeter verschieben sich die Kontinente pro Jahr, und sind doch schon Tausende von Kilometern weitergekommen, da werd´ ich doch auch einmal oben sein. Angeblich rutschen ja auch welche auf Knien rund um den Kailash-Berg, um die Sünden gleich mehrerer Leben abzutragen. Auch die sind bestimmt nicht schneller wie ich…
Nach drei Kilometer kommt die Maut und obwohl ich mich noch erfreulich frisch fühle mach ich erst mal Brotzeit. Es folgen Serpentinen mit langen Geraden dazwischen. Je nach Steilheit komme ich mehr oder weniger weit zwischen den Verschnaufpausen. Bei der letzten Kehre bei km 6,8 ist es aber höchste Zeit für eine weitere Rast. Die folgende steile und lange Gerade hinauf zum Almgelände unter dem Gasthaus machte vor zehn Tagen alles klar, dass hier des Handradfahrens doch nicht sei. Und jetzt steh ich hier und freu mich, dass das Tal schon so tief unten liegt. Ich setz mich neben das Radl, wobei ich aufpassen muss, dass es nicht davonrollt – da hörte sich der Spass auf – und verköstige mich mit Schokolade und Coca Cola. Dann die Gerade. Am Anfang gehts noch, aber je weiter man hinaufkommt, umso steiler wird es. Die Fortbewegung als mühsam zu bezeichnen ist keine Übertreibung, der Handradler braucht hier zweifellos einigen Willen, aber jetzt bin ich schon so weit, dass Umkehren natürlich nicht in Frage kommt. Erfreulicherweise erholen sich die Arme in den kurzen Pausen immer noch soweit dass das nächste Stück wieder ganz gut geht. Man kann sich nur wundern, was so Arme alles mitmachen, wenn sie müssen.
Endlich wird es wieder flacher und von oben lacht schon das Gasthaus herunter. Zäh gehen die letzten Serpentinen, irgendwie fühle ich mich schlapp und ausgelaugt. Endlich der Parkplatz beim Alpenhaus. Eigentlich wollte ich nur bis hierher fahren. Aber hier ist nicht der Gipfel. Nicht weit sieht es aus bis dorthin, um den Fernsehturm wallen sich auflösende Nebel, ein magisches Bild. Da fahrst jetzt auch noch nauf, sage ich zu mir selbst. Da ich mich aus unerklärlichen Gründen schlagartig wieder frisch und munter fühle, fahre ich gleich weiter.
Hinter einer Schranke führt ein schmaler und steiler Asphaltweg über freies Gelände in Serpentinen bis zum Gipfel. Nicht wenige Leute sind unterwegs. Stück für Stück komme ich höher, in der bewährten Taktik. Die meisten grüßen freundlich. Überhaupt sind die Leute recht nett hier. Manche fragen warum ich das mache. Ich sage dass ich da auch einmal hinauf will wie alle anderen auch und dass ich keinen Bauch kriegen will… was beides, wenn auch nicht die ganze Wahrheit, nicht unrichtig ist. Andere meinen sie bewundern das und dass das schon eine Leistung ist usw. Ich kann nur sagen, dass ich auch lieber zu Fuß gehen würde, aber dass das leider nicht geht… Außerdem darf man nicht vergessen, dass auf dem Weg einige wirklich Dicke unterwegs sind, die sich vielleicht mehr plagen wie ich, ohne jegliche Bewunderung… Weiter.
Eine weitere Verschnaufpause, ein junges Paar kommt daher, in ihren Bronchien brummt es hörbar beim Schnaufen obwohl es bergab geht… „Sie rauchen?“ frage ich freundlich. Sie bejaht verwundert. „Man hört es an den Bronchien, sie sollten langsam mal ans Aufhören denken…“ Als beruflich mit Rauchern Beschäftigter kann ich mir die Bemerkung nicht verkneifen, denke aber nicht dass sie aufhören wird. Keiner hört auf, solange es irgendwie geht und er nicht todkrank ist, als ob die blöde Raucherei das Wichtigste auf der Welt wäre. Es ist nicht zu ändern… Weiter.
Kurzweilig führen die letzten Serpentinen hinauf, bemerkenswert ist eine erfreuliche Zuspitzung des Berges. Die einzige wirkliche Krise des Tages erfasst mich, als ich, ziemlich weit über dem Alpenhaus zu einer Tafel (für Fußgänger) komme: Noch 30 Minuten bis zum Gipfel… Schlagartig fühle ich mich matt und kraftlos. Da hilft nur noch Schokolade und Coca Cola. Eine letzte kleine Pause und es geht wieder. Es ist doch weiter als es aussah, aber auf einmal ist der Weg aus, ich bin oben. Am Anfang ist es kaum zu glauben, dass ich nicht mehr an der Kurbel drehen muss. Es freut mich ungemein, dass ich doch hinaufgekommen bin und besser als gedacht. Oben an der Glocknerstraße, meiner bisher anstrengendsten Tour, war ich wesentlich kaputter. Die paar tausend Kilometer mit dem Handradl seitdem waren also, was die Kondition betrifft, nicht umsonst. Die letzten Nebelfetzen haben sich verzogen und warm bescheint die Sonne das Radl und mich, genau richtig für ein kleines Schläfchen in der Wiese.
Schließlich wird es Zeit zum Aufbruch. Mein Vorgänger berichtet von glühenden Bremsscheiben bei der Abfahrt. Da mir schon zweimal eins von zwei Bremsseilen gerissen ist, nehme ich von diesem Vergnügen lieber Abstand. Da fahr ich lieber langsam und schau mir die Gegend an, das Tal tief drunten mit dem Schwarzsee und die weiß überzuckerten Tauern im Süden.
Auf halber Strecke leg ich mich nochmal in die Sonne, um der etwas komisch riechenden Bremsscheibe Gelegenheit zur Abkühlung zu geben, bevor ich im Licht der tiefstehenden Sonne ganz hinunterfahre. Sche wars aber nächstes Mal fahr ich lieber doch wieder mit dem Auto.

A. Hirschbichler 10/2004

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