Watzmann-Ostwand im Sommer


Vor 200 Jahren erklomm der Slowene Valentin Stanic unter den ständigen Gebeten seiner am Hocheck zurückgebliebenen Begleiter als erster Mensch den höchsten „Spiz“ des Watzmann, die Mittelspitze. 80 Jahre später schon fand der nach seinem Hausnamen als „Kederbacher“ bekannte Ramsauer Führer Johann Grill einen Weg durch die kaum weniger als 2000 Meter hohe Watzmann-Ostwand. Von einer ein bißchen ungewöhnlichen Besteigung dieser Wand soll der geneigte Leser anläßlich des „Watzmannjahrs“ im folgenden Bericht erfahren. Die Niederschrift eines Abenteuers aus längst vergangener Jugendzeit mag geeignet sein, einen Eindruck von der Schnellebigkeit der Zeit zu vermitteln…
Ein schöner Herbsttag des Jahres 1988. Es war wieder einmal soweit: Höchste Zeit,
den Alltagskram hinten oder besser gesagt unten zu lassen… Überschüssige Energien wollten abgebaut, der Geist von unnützen Gedanken befreit werden. Der Auftrieb war ungewöhnlich, es mußte sofort etwas geschehen. Eine Tat! Die Watzmann Ostwand schien gerade recht und zwar so schnell wie möglich!

Um Punkt 12.00 Uhr lege ich den Bleistift meiner damaligen Halbtagsbeschäftigung aus der Hand und lege ihn, frisch gespitzt, parallel zum Radiergummi im linken oberen Viertel der grünen Schreibunterlage ab, wie jeden Tag…
Eine halbe Stunde später sitze ich unauffällig auf einem vollbesetzten Königseeschiff. Ein Bediensteter der staatlichen Königseeschiffahrtsgesellschaft in blauem Anzug mit Krawatte zelebriert den Standardtext. Das gesunkene Pilgerschiff, die Brust der Schlafenden Hexe… ich kenne das alles schon. Videokameras surren, Photoapparate klicken, Hemden spannen im Nabelbereich, Deodorants versagen, auf Glatzen bilden sich Schweißperlen… das Echoblasen auch heute wieder eine freiwillige und durstige Angelegenheit… Reglos sitze ich, in Gedanken bin ich schon woanders…
Kurz später: die Fahrt des Bootes erweckt den Eindruck, als ob die Grate der Watzmann-Frau zurückgezogen würden wie der Vorhang einer Bühne. Nach und nach wird der Blick frei auf die riesige Watzmann Ostwand. Zum wievielten Mal erlebe ich das jetzt? Trotzdem ist es jedesmal wieder ungemein eindrucksvoll. Ein leicht mulmiges Gefühl beschleicht mich, wenn ich an meinen 176 Zentimetern Lebensgröße hinabschaue, und Vergleiche anstelle mit den 2000 Metern Fels, die dort hinten über der Eiskapelle aufragen… Soll ich Winzling wirklich heute da noch hoch?
Unruhe erfaßt mich, allerdings keine lähmende, sondern eine, die bis in die letzten Muskelfasern Kräfte freizusetzen vermag.
Bartholomä: Aussteigen. An den Souvenierläden vorbei bewegt sich der träge Menschenstrom, ich mittendrin, in Richtung Wirtshaus, wo sich die meisten erst einmal niederlassen, um sich von den Strapazen der Bootsfahrt zu erholen. Ein paar Meter dahinter, an der Wegtafel in Richtung Eisbachtal, bleibe ich stehen und binde meine Turnschuhe fest. Sorgfältig schnalle ich das “Wimmerl” mit dem trockenen Unterhemd und einem Müsliriegel um und ordne Turnhose und T-Shirt möglichst nichtkneifend. Einige Atem- und Lockerungsübungen noch, bis der Sekundenzeiger meiner Armbanduhr oben steht und los… Wie ein Dieb auf der Flucht laufe ich los, nehme aber nach hundert Metern das Tempo zurück, denn das Ziel ist doch noch recht weit: das Gipfelkreuz der Watzmann Südspitze…
Im Dauerlauf trabe ich das Eisbachtal hinein, immer jedoch auf Schonung der Kräfte bedacht.
Vor der Eiskapelle, im eindrucksvollen Kessel unter der Wand besteht einmal mehr Gelegenheit, die Dimensionen dieser großartigen Wand zu bewundern. Das Wetter ist absolut sicher, keine Wolke steht am Himmel des warmen Spätsommertages. Die Luft ist ganz trocken und frisch laufe ich dem Schneefeld am Fuße der Wand zu. Links davon steilt sich das Gelände auf, dort befindet sich der Einstieg zum Berchtesgadener Weg. Die Schrofen, Rinnen und Wandstufen des unteren Wandteils erweisen sich bei meinem heutigen Bemühen um rasche Fortbewegung als durchaus schweißtreibend. Auch mag sich in dem Gelände kein rechter Rhythmus des Steigens einstellen.
Auf der Querung ins erste Schuttkar ist wieder Laufschritt möglich, das schottrige Kar etwas lästig, darüber die nach links ziehende Rampe: mäßig steiler, fester Fels, kurzweiliges Steigen über wachsenden Abgründen. Die Ideallinie ergibt sich wie von selbst, keine überflüssige Bewegung, kein zu großer oder zu kleiner Schritt, auch die Atmung gleichmäßig, maschinenhaft… Eine gewisse Grenze der Belastung wird nicht überschritten. Unter dem “Wasserfallwandl” hole ich eine Dreier-Seilschaft mit monströsen Rucksäcken ein. Klemmkeile bimmeln, Seile kringeln, Schotter knirscht unter schweren Lederbergstiefeln… Im Vorbeigehen grüße ich freundlich, ohne sie jedoch um ihr Gepäck zu beneiden…
Das etwa 50 Meter hohe “Wandl”: Plattige, ungegliederte und etwas unübersichtliche Felsen. Aber gerade hier kenne ich jeden Meter und in kürzester Zeit bin ich oben. Das Gelände wird wieder flacher, ich quere nach rechts und halte mich wieder aufwärts. Auf einmal werden die Felsen immer steiler und unangenehmer… hier war ich doch noch nie! Plötzlich kommt es mir siedendheiß: Ich bin zu früh nach rechts gequert, die große Querung befindet sich ja erst oberhalb der Rampe! Wie konnte mir so etwas Blödes nur passieren, nachdem ich bis dahin nicht einen Meter falsch gegangen war? „Vor lauter schnell schnell eben , Esel!…“ denke ich mir. Aber das hilft mir jetzt auch nicht weiter. Zum ersten Mal bleibe ich stehen und versuche das Gelände zu beurteilen: Werde ich nach oben durchkommen und wieder auf die richtige Route gelangen? Oder soll ich gleich zurück?
Noch geht es, und umdrehen kann ich weiter oben ja immer noch… So klettere ich vorsichtig weiter.
Es erwartet mich eine nicht unluftige Stelle jenseits des dritten Schwierigkeitsgrades. Das darüberliegende Gelände ist von unten nicht einsehbar, doch Gott sei Dank, oberhalb wird es wieder flacher und ich kann zum oberen Ende der Rampe hinüberqueren… Die Begebenheit hat mich einiges an Zeit gekostet, wo es heute doch um Sekunden geht! Vor allem aber hat sie mich aus dem inneren Gleichgewicht gebracht. Schlagartig fühle ich mich ganz matt, wie ein getretener Hund. Die Unbeschwertheit des Steigens ist vorläufig dahin.
Nach dem nun richtigen Quergang folgen die bekannten Schrofen und gutgriffigen Wandstellen. Ein
letzter Aufschwung und immer wieder überraschend: Auf einmal steht man in der riesigen Gipfelschlucht. Genauer gesagt: ich stehe nicht, sondern gehe vielmehr am Beginn der Gipfelschlucht. Die Bezeichnung ist leicht irreführend, denn mit dem Gipfel hat diese überdimensionale Steinschlag- und Lawinenrutschbahn an dieser Stelle noch nicht viel zu tun.
Ü ber 700 Höhenmeter wollen bis zum höchsten Punkt noch erklommen sein. Obwohl ich nicht langsam gehe, fühle ich mich zum Glück wieder ziemlich frisch. Das liegt wohl auch an der immer wieder eindrucksvollen Szenerie. Mehr als 1500 Meter tiefer liegt bereits der Königsee, gegenüber in der Nachmittagssonne das einsame Hagengebirge. Erinnerungen an unvergeßliche Skiüberschreitungen, Wanderungen, Biwakromantik… Die Höhe der Watzmannkinder ist schon fast erreicht. Ihre wilden Südabstürze begrenzen rechterhand die große Wand, in der ein winziger Mensch mit einem roten “Wimmerl” um die Hüfte immer noch ganz flott höhersteigt.
Die Gipfelschlucht hat sich noch immer gezogen und sie zieht sich auch heute. Endlich erreiche ich die Biwakschachtel, die winzige Blechkiste an einer der wenigen geschützten Stellen in der ganzen Wand. Als eine Art Pause gehe ich kurz ein bißchen langsamer. Noch 300 Meter bis zum Gipfel. In kurzweiliger Kletterei führen Kamine und Wandstellen rechtshaltend hinauf. Bald stehe ich an der letzten schwierigeren Stelle, einer kurzen senkrechten Wandstufe. Ein Haken mit Schlinge bietet seine Hilfe an. Ich packe sie und ziehe mich über die vom Schweiß ekelhaft glattpolierte Stelle hinauf. Nur noch wenige Minuten bis zum Gipfelgrat. Dann, von einem Meter auf den anderen entsteige ich der großen Wand, befinde mich am flachen Grat in der Sonne. Auf den letzten Metern zum Gipfel bemühe ich mich um einen angemessenen Endspurt. Außer Atem schlage ich mit der rechten Hand am Kreuz an, die Armbanduhr an der linken zeigt, daß ich zwei Stunden, zehn Minuten und zwölf Sekunden zuvor noch beim Wirtshaus unten in Bartholomä gestanden bin…
Am Gipfel keine Menschenseele. Als sich Sauerstoffschuld und Puls beruhigt haben, wechsle ich mein Unterhemd und esse den Müsliriegel. Durst habe ich keinen, zu trinken hab ich eh nichts dabei… Nach eingehender Betrachtung der wunderbaren Heimatberge, auf einer deren höchsten Spitzen ich stehe, steige ich langsam und vorsichtig, um mir mit den Turnschuhen im Schotter keinen Fuß zu verknacksen, ins Wimbachtal ab. Bei der Hütte genehmige ich mir eine Radlerhalbe, bevor ich im leichten Dauerlauf das Grieß hinaustrabe. Beim ersten Haus erwartet mich mein Fahrrad, das ich am Morgen dort eingestellt hatte. Ziemlich genau nach sechs Stunden schließt sich die Runde beim Auto in Königsee wieder.
Der innere Friede war wieder einmal gerettet, zumindest für einige Tage… Wie schnell sind zwei Stunden vor der Glotze verhockt, auf einem Kanapee verlegen oder durch unnütze Diskussionen vertan?! Mit etwas Elan kann in der Zeit die höchste Wand der Ostalpen auf den höchsten Gipfel der Berchtesgadener Berge durchstiegen werden! Ansonsten will der Schreiber durch diese Geschichte weder zur Nachahmung anregen, noch Glauben machen, daß diese seine Tat irgendeinen Nutzen für irgendwelche Mitmenschen oder die Gesellschaft überhaupt beinhalten könnte, außer für ihn selbst… Irgendwann lebt jeder einmal in erster Linie von netten Erinnerungen… mancher später, mancher früher…
A. Hirschbichler

Kommentar erstellen