Neuzeitliche Entwicklungen des Extrembergsteigens …


… aufgezeigt an einem Alptraum des Spitzenbergsteigers Hans Knopf

(Hörstück bei der Berginale, Berchtesgaden 2003)
Tisch, zwei Stühle, Psychologen sitzen sich gegenüber…
weiße Mäntel, Wolfgang mit Hut, ich mit Käppi
Sprecher (Bärbel):
Zwei Psychoanalytiker treffen sich zu einer Fallbesprechung. Bei den Psychologen ist das so, dass sie sich gelegentlich treffen und Fälle besprechen, wo sie nicht weiterkommen, um einmal die Meinung eines anderen zu hören, Supervision nennt man das, und zu so einer Supervision kamen die beiden hier zusammen…
weist auf:
A (Wolfgang): Dr. Krampff, Praxis für Höhenräusche und Tiefenkoller
B (ich): Dr. Unfug aus der Spezialklinik für Urgesteinsneurosen
das Stück heißt
Neuzeitliche Entwicklungen des Extrembergsteigens
aufgezeigt an einem Alptraum des Spitzenbergsteigers Hans Knopf*
*(Name von der Theaterleitung geändert)

A.: Grüß Gott Herr Kollege… na wie gehts?
B: Danke, man ist ja nicht zum Vergnügen auf der Welt…
A: wem sagen sie das… Fangen wir am besten gleich mit unseren Fällen an…
Sie haben doch da letztes Mal von diesem Hans Knopf berichtet… der bekannte Extremkletterer, der eine Psychoanalyse machen will, weil er an seinem neuen Projekt im 12. Schwierigkeitsgrad zum 685 Mal an der Schlüsselstelle abgeschmiert ist… Seit 5 Jahren probiert er daran herum, sagten sie, er kann an nichts anderes mehr denken…
B: Ja, ja, über den wollte ich gerade berichten… Er grübelt Tag und Nacht drüber… Er glaubt nun, dass eine zu frühe Reinlichkeitserziehung Schuld ist… daran werden wir noch arbeiten müssen… In der letzten Sitzung hat er übrigens von einem furchtbaren Alptraum erzählt… und zwar hat er geträumt, daß das mit dem Latok beim zweiten Mal wieder nicht geklappt hat…
A: Latok? wer ist Latok?
B: Nein nein, nicht was sie denken, es handelt sich um einen Berg… Er hat umdrehen müssen…
A: Ach, und das ist so schlimm…?
B: Nun ja, schlimm nicht, wenn es keiner erfahren hätte… aber sie müssen bedenken, mein Klient ist ein bekannter Mann, ein Mann von öffentlichem Interesse sozusagen. Die Allgemeinheit nimmt Teil an seinen Unternehmungen… In seinem Traum sah er sich an der letzten Abseilstelle vom Latok herunter und unten warteten schon eine ganze Horde Reporter … von allen Seiten sind sie mit ihren Mikrofonen und Fernsehkameras auf ihn losgegangen… Herr Knopf, was war los?… 25 Meter unter dem Gipfel umgekehrt!… wie erklären Sie sich das?!… schweißgebadet ist er aufgewacht… Beinahe noch schlimmer kam es dann in der Nacht darauf: Im Traum sah er sich beim internationalen Trekkertreffen in Berchtesgadenen, aber nicht vorne auf der Bühne, nein, er saß ganz unauffällig – ein Gesicht in der Menge – unter tausend anderen Trekkern… Den Riesenapplaus und Standing Ovations für die Dia-Show erntete ein anderer, irgendein Nobody, der halt zufällig auch mal irgendwo hinaufgekommen ist… grausam… aber der Traum geht noch weiter… vor dem Saal, als er sich gerade beim Tibet-Stand ein Fladenbrötchen mit Yak-Butter einverleiben wollte, tippt ihn einer von hinten an die Schulter, und der sagt „Grüß Gott Herr Knopf, na wie war´s am Latok…“ – es war sein Hauptsponsor!… der hat dann sein Scheckhaft gezückt und darin herumkorrigiert, „sie verstehen…“ hat er gesagt… und vorne drauf auf dem Scheckheft stand schon der Name von diesem Nobody vermerkt und dick unterstrichen…
Als ob das nun wirklich nicht gereicht hätte, geht der Traum aber noch weiter:
kaum hatte sich der Sponsor verabschiedet, sah Knopf endlich einmal jemand, der offensichtlich erfreut war, ihn zu sehen, auf sich zukommen und der stellt sich vor als Mann vom Fernsehen und zwar als zuständig für die beliebte Sendung „Pleiten, Pech und Pannen“… „Herr Knopf, gut daß ich sie sehe“, sagt der… hätten sie nicht Lust, bei uns mitzumachen… wir suchen da noch jemand für die Frühjahrssendung… bei der auch die komplette Deutsche Herren-Ski-Nationalmannschaft mitmachen wird… da ist er aufgewacht und hat gemerkt, daß alles bloß ein Traum war, Gott sei Dank…
A: Tja, das klingt ernst… kommt noch was?
B: Die nächsten Nächte verliefen ruhig, keine Träume, aber die Realität ist kaum besser: Er hat ein Bergsteigerhefterl durchgeblättert, Alpinmagazin oder so, und schon auf der ersten Seite findet er die Schlagzeile: „Robert Jaspers neue Mixed-Route 13 a“.

A: Was, bitte schön, ist denn eine Mixed-Route 13?
B: Nun, da habe ich selber nachfragen müssen: es hat etwas mit einer Schwierigkeitsbewertung zu tun und zwar für kombiniertes Eis und Fels-Gelände; senkrechtes Eis wechselt ab mit überhängenden Felsen
A: Und da wollen die Jungs hoch?
B: Ja…, bisher gab es bloß den Schwierigkeitsgrad 12, aber anscheinend ist es diesem Jasper erstmalig gelungen, an einem 20 Meter hohen, 20 cm dünnen, freistehenden Eiszapfen, einem Eisstalagmiten hochzuklettern. Auf der Spitze mußte er einen einarmigen Handstand machen, wobei der ganze Zapfen bedenklich ins Schwanken kam… das eigentliche Kunststück bestand dann aber darin, in der überhängenden Felswand oberbei die Zacken seiner Steigeisen einzuhängen und sich daran zum nächsten Griff hochzuschwingen…

A: Toll! … aber was hat das mit ihrem Klienten zu tun?
B: Nun, ich sagte ja, in einem Bergsteigerheft auf der ersten Seite stand dieser Bericht mit jeder Menge Bildern – auf den meisten grinst der Kerl auch noch unverschämt – … dann, auf der zweiten Seite, ein Interview mit Jasper über die menschheitsbewegende Frage der Zukunft des Mixed-Eiskletterns… und so ging es weiter… „Jasper in Amerika“, eine ganzseitige Anzeige über die Jasper-Eiskletterschule… und schließlich Jasper als Poster, lebensgroß zum Ausklappen mit einem Pappeisbeil in der Hand… Da hat es ihm gereicht… Es flimmerte ihm vor den Augen und er sah aus dem ganzen Heft nur noch diesen Jasper – diesen unverschämten Burschen – herausgrinsen… hämisch, als ob er fragen wollte: „wo bleibt Knopf?… wer interessiert sich heute noch für´s Felsklettern“…
Meinem Patienten ist ganz übel geworden dabei…
Es hat ihn so mitgenommen, daß er drei Tage lang im Klettergarten die Griffe mit den Tritten verwechselt hat, sie können sich vorstellen, was das für einen Kletterweltstar wie ihn bedeutet… Es ist als ob der Michael Schuhmacher
nicht mehr wüsste, was bei seinem Ferrari die Bremse und was das Gas ist…
er konnte dann einige Tage nicht mehr trainieren, was natürlich sofort zu einem verheerenden Leistungseinbruch geführt hat…
A.: Schrecklich
B.: Genau. Und in dieser furchtbaren Verfassung hat mein Patient dann auch noch einen Erpresserbrief bekommen…
A: Was denn, mit Nacktaufnahmen…? Hat ihn jemand in Flagranti erwischt??
B: Nein, viel schlimmer: Auf dem Bild sieht man ihn in der Schlüsselseillänge der Salathe Route am El Capitan und er hält sich an einem Haken fest…
A: Uhhh, das tut weh…
B: Ja
A: Und… Was fordert der Erpresser?
B: Einen kompletten Satz Friends, 20 Karabiner und einen Sack Magnesia, zu hinterlegen in der Kletterhalle in der Strub…
A.: Und wenn Knopf nicht darauf eingeht?
B.: Der Erpresser droht, das Bild an die Zeitschrift „Rotpunkt“ zu schicken… Da stand kurz zuvor ein Bericht von der ersten freien Begehung der Salathe-Route durch Knopf drin… das Foto ist wahrscheinlich eine Fälschung… man vermutet den Täter in konservativen Berchtesgadener Bergsteigerkreisen… Derjenige, der vor 20 Jahren die Bohrhaken in der Untersberg-Südwand abgesägt hat, soll kürzlich auch wieder aus dem Gefängnis entlassen worden sein… nun ja, etwas genaues weiß man nicht, die Kripo ermittelt noch…
A.: „Rotpunkt“ – was ist das für ein Blatt?
B.: Dient vor allem der Selbstdarstellung der Szene. Es steht drin, wer wo hinaufgekommen ist… mit jeder Menge Hochglanz-Fotos von den Helden natürlich, na ja ein paar Anstiegsblätter sind auch drin…
A: Tja, da ist ja wirklich viel zusammengekommen bei ihrem Patienten… Erst die schrecklichen Träume, dann das Jasper Trauma und schließlich auch noch die Erpressung … Was haben sie ihm denn geraten?
B: Wie sie wissen, arbeite ich gern praxisnah… Als erstes haben wir erarbeitet, dass Knopf, solange er die Griffe mit den Tritten verwechselt, alles mit Tesaband markiert, die Griffe blau, die Tritte rot, bis er selber wieder weiß was was ist…
A.: Gute Idee, könnte von mir sein… Und das Trauma wegen diesem Eiskletterfritzen?
B.: Ich konnte seine Ängste doch wesentlich zerstreuen, als ich ihn daran erinnerte, dass doch das halbe Jahr lang Sommer ist… und schon aus dem Grund das Klettern nicht abgeschafft werden kann… In seiner momentanen Verfassung hat er das anscheinend ganz übersehen… So wie der Mensch ja öfters den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht…
A.: Da kann ich Ihnen nur recht geben…
B.: Getröstet hat ihn auch, dass dieser Jasper bei beginnender Erwärmung in der Versenkung verschwindet wie ein Vampir beim ersten Tageslicht, bis er mit den ersten Eiszapfen im Herbst sozusagen reinkarniert, aber im Sommer kräht kein Huhn nach ihm… da ist Knopf dran…
A.: Toll… Da ist ihm sicher ein Stein von Herzen gefallen… Aber die anderen Träume? Das mit dem Latok und dem Hauptsponsor?
B.: „Träume sind Schäume“ hab ich zuerst gedacht… Wir sind dann die üblichen frühkindlichen Konfliktkonstellationen durchgegangen, Reinlichkeitserziehung, Entwöhnung von der Mutterbrust… sie wissen schon… aber nachdem wir einige Monate in der Kloake seines Unterbewußtseins herumgerührt hatten, kam ich auf einmal drauf: Der Mann hat ja recht!
A.: Wie meinen sie das?
B.: Nun Herr Kollege, bedenken Sie: mein Patient will vom Bergsteigen leben. Ist Ihnen bewusst, dass er sich damit zu einem Gladiatoren der Neuzeit macht?!
Ob jemand davon leben kann, hängt von seinem Marktwert ab und der Marktwert von den durchgeführten Unternehmungen… die Aktionen allerdings, die heutzutage einen Marktwert bringen, kann man allerdings nur noch als halsbrecherisch bezeichnen… Ohne buchstäblichen Einsatz des Lebens geht da gar nichts mehr…
Einen guten Marktwert bringen nach wie vor haarsträubende Himalayawände…
gut für´s Geschäft ist, wenn ein paar Kollegen auf der Strecke bleiben, tiefgefroren in irgendeiner Achttausenderwand oder vom Steinschlag zerlegt… Die runterkommen kriegen dafür die Auszeichnungen… und Sponsorenverträge…
Es ist ja allgemein bekannt – obwohl nicht gern darüber gesprochen wird – daß die Ausfallquote bei den Spitzenbergsteigern bei ungefähr 50% liegt. Ihr Beitrag zur Überalterung der Gesellschaft ist also ein sehr geringer…
Wer heute zur Spitze gehören und ein paar Mark verdienen will, muss Sensationen liefern, das ist sein Job…
Was immer wieder gut ankommt beim Publikum sind Alleingänge… an den Zinnen fand da kürzlich mal wieder sowas statt… 500 Meter senkrechter Fels im 8. Grad, eine gewaltige Leistung, das hat sich noch keiner getraut… aber die Kohle ist schon wirklich riskant verdient… ein ausbrechendes Minigriffchen und der Held segelt direkt ins Nirwana, und das auch noch vor laufenden Kameras… ein unangenehmer Gedanke… aber es ist alles gutgegangen… und
die nächste Vortragssaison ist ausgebucht…

A.: Da ist man ja direkt wieder froh um seinen Psychologenjob…
B.: Es ist ja eigentlich die Frage, was Herr Maier und Frau Müller davon haben, wenn der Messner zum 3. Mal auf dem Nanga Parbat oben stand oder mein Patient auf dem Latok. So wie es ja eigentlich auch egal ist ob Harald Junke wieder einen Rausch hatte oder ob diese Pamela Anderson mit ihrem Plastikbusen am Wiener Opernball war oder nicht… Aber es ist nicht egal! Ganz im Gegenteil, das öffentliche Interesse ist immens! Die Welt lebt von der Unterhaltung und da kommen die Bergsteiger gerade recht…
Aber bitte zeitgemäß… Die Bergbesteigung eines Spitzenbergsteigers hat marktgerecht zu erfolgen! Nicht der Kamerad macht Fotos, sondern an Seilen hängende Kameramänner. Und kommt einer zum Gipfel, erfährt es die Welt in Sekundenbruchteilen übers Internet…
Der Spitzenbergsteiger liefert Sensationen oder er macht sich überflüssig!
Seine gesellschaftliche Funktion besteht darin, sich stellvertretend für andere auf wilde Abenteuer einzulassen… Millionen schaun es sich dann mit der Bierflasche in der Hand im Fernsehn an… Geht es gut, ist er in aller Munde und die Gelder fließen; geht etwas schief, dann, – na ja – eine Kurznotiz im Alpinmagazin wie beim Russen Bukreiev, den eine Lawine erwischt hat bei seinem 13. Achttausender…
„Nicht mehr dabei…“ stand dort als Überschrift über den paar Zeilen in denen sein Ableben vermeldet wurde…
Nicht mehr dabei… d. h. er kann nicht mehr mitmachen beim Achttausenderrummel, keine Sensationen mehr liefern, und zur allgemeinen Unterhaltung beitragen… Nicht mehr dabei… das scheint aus der Sicht des Redakteurs das schlimmste an seinem Tod zu sein…
Die Radiomeldung über das spurlose Verschwinden des französischen Profibergsteigers Escoffier am Broad Peak geriet kaum länger…
in zwei Jahren wollte der sämtliche Achttausender besteigen, dazu die höchsten Gipfel von jedem Kontinent und den Nord- und Südpol noch als Dreingabe… Ob ihm das selber eingefallen ist oder seinem Manager? Jetzt ist ihm etwas dazwischengekommen, nämlich der Tod, und zwar schon beim zweiten Achttausender…
Wie war das im alten Rom? Was brauchte das Volk? Brot und Spiele… so ist das… die Menschheit braucht ihre Gladiatoren… heute wie damals…
A.: (schluckt) So meinen Sie das also… Haben Sie mit Ihm darüber gesprochen?
B.: Ja
A.: Und?
B.: Nachdenklich ist er schon geworden… Er hat auch drüber nachgedacht, unter welchem Leistungsdruck so ein Berufsbergsteiger dauernd steht… „Da kann ich ja gleich in die Arbeit gehen“ hat er gesagt… Er murmelte dann so vor sich hin, dass ein ruhiger Posten im Öffentlichen Dienst auch nicht das Schlechteste wäre… vielleicht bei der Nationalparkverwaltung… geheizte Büroräume oder im Außendienst mal ein paar Biker aufschreiben oder so Verbrecher, die mit Fellen über die Jenner-Skipiste aufsteigen…
A.: Was!? Soviel Unverschämtheit darf doch nicht wahrsein!
B.: Doch… dafür werden diese Fellgeher jetzt aber erbarmungslos gejagt…
die Polizei schiebt schon Sonderschichten… angeblich sollen sogar die Lawinenhunde der Bergwacht umgeschult werden und die Haschhunde vom Zoll, die riechen jedes Fell auf 100 Meter… die Jennerbahn will die Kosten übernehmen, aber das nur unter uns…
A.: Gott sei Dank, es ist immer wieder schön zu hören, wenn Recht und Ordnung die Oberhand behalten im Bayernland… Wo kämen wir da auch hin, wenn jeder Fellgeher, wie es ihm beliebt die Pisten verschandeln dürfte…
B.: Ja…, aber zurück zu Knopf… beim Nationalpark bekäme er ein 13. Monatsgehalt, Alterszusatzversorgung …. und bräuchte nur noch am Wochenende zum Klettern gehen – nur noch wirklich zum Vergnügen – Wie er darüber nachdachte, lehnte er sich in seinem Sessel zurück und schnaufte erst einmal tief durch…. Er braucht jetzt erst mal Abstand von dem ganzen… Er will eine Kur machen an der Nordsee – was sicher auch seinem Höhenhusten gut tun wird – und ein gutes Buch lesen: „Bergsteigen als romantische Lebensform“ von Leo Maduschka… Das Buch ist längst vergriffen, aber in der Alpenvereinsbibliothek steht noch eins, ganz staubig, hat wahrscheinlich schon lange niemand mehr gelesen…
A.: Sind sie mit dem Therapieerfolg zufrieden?
B.: Da kann man jetzt noch nicht viel sagen… Ein bißchen spinnen sie ja schon, diese Bergsteiger…
___
(Licht aus… dann wieder an… 5 Min. Pause)

Kommentar erstellen