Die Phenylethylaminvergiftung


Schwindel,Ohrensausen, Atemnot, Herzstolpern…
Ebenso unerklärliche wie beunruhigende Symptome hatten den Patienten wie Dämonen befallen und machten nach langer Zeit wieder einmal die Konsultation des Hausarztes erforderlich. Die Untersuchungen ergaben zunächst keine Anhaltspunkte: Blutdruck normal, Röntgenbild unauffällig, beim aaahh-Sagen keine belegte Zunge, gerötete Mandeln etc., Reflexe normal, Pupillen leicht geweitet aber noch im Normbereich, Psyche leicht wirr aber noch unauffällig… Es wird doch hoffentlich nichts Psychosomatisches sein?

Aber dann: die Tür zum Sprechzimmer geht auf und eine nette Arzthelferin überreicht dem Doktor noch den Auswertungsbogen der Blutuntersuchung. Ein kurzer Blick auf das Blatt und sein Gesicht wird sehr ernst:
“ da haben wir es, hier der Serumspiegel…”
er deutet auf einen Wert,
“ …der ist ja viel zu hoch, Sie leiden offensichtlich an einer akuten Phenylethylaminvergiftung, wo haben Sie sich denn das geholt…?”
Kraftlos sinkt der Patient in den Sessel vor dem großen Arztschreibtisch.
“ Phenyl… wie bitte…?”
“ Phenylethylamin, oder besser gesagt, Hyperphenylethylaminie, eine Krankheit, die zwar insgesamt abnimmt, aber auch heute noch ist keiner sicher, jeden kann es treffen und das besonders Furchtbare daran: es ist völlig unberechenbar, keiner weiß, ob und wann es ihn trifft, wer wann der nächste ist…”
Die Worte des Arztes treffen den Kranken wie Hammerschläge.
“ Die Krankheit hängt also wie ein Damoklesschwert über uns Menschen…?”
“ Sozusagen,…und was ich Ihnen leider noch sagen muß: man kann sehr wenig dagegen tun, medizinisch jedenfalls…”
Der Patient spürt, wie sich sein Magen verkrampft, wie von weitem hört er seine eigene Stimme:
“ das ist ja schrecklich und das mir, Nichtraucher, mäßiger Umgang mit Alkohol, Sex bestenfalls an
Feiertagen, regelmäßige sportliche Betätigung, kein Schweinefleisch… – warum ausgerechnet ich?? Kann ein Zeckenbiß die Ursache sein…oder eine Infektion…ist es ansteckend…wie ist überhaupt die Prognose?”

“ Nun mal langsam…”
der Doktor bemüht sich sichtlich um eine beruhigende Stimmlage:
“ Mit Zeckenbiß und Schweinefleisch hat die Sache wahrscheinlich nichts zu tun… Die Symptome sind auch schon von Alters her bekannt. Eine junge Wissenschaftsdisziplin, Psychoneuroimmunologie genannt, ist sehr um Aufklärung bemüht. Es scheint allerdings doch unerwartet kompliziert zu sein, wie alle psychosomatischen Krankheiten… Früher, da machte man es sich leicht: da wurde einfach behauptet, daß ein verborgener Heckenschütze Pfeile auf ahnungs- und wehrlose Opfer schoß, -der Schurke-, und Getroffene, na ja, so wie Sie eben…hahaha…”
Der Doktor konnte seine Belustigung über derlei vorwissenschaftlichen Humbug nicht zurückhalten, nahm aber schnell wieder eine dem Ernst der Lage angemessene Miene ein.
“ Ich kann Ihnen nur sagen, daß die Sache meist von alleine wieder besser wird, Spontanremission sozusagen…, wann allerdings, das weiß keiner, es kann schon dauern, aber Kopf hoch: Sterben werden Sie nicht daran… Übrigens, haben Sie in den letzten Tagen eine schöne Frau gesehen oder getroffen?”
“ Ich verstehe zwar nicht, warum Sie mich das jetzt fragen, Herr Doktor, aber Sie mögen da schon rechthaben…”
Kleinlaut gestand der Ärmste die Begegnung mit einem außergewöhnlichen Mädchen, vergleichbar einem Edelstein unter Flußkieseln, einer Orchidee zwischen Unkraut, wie Wasser nach einem Irrgang in der Wüste. Eine junge Frau mit einer seltenen Mischung aus Schönheit, Geist und Melancholie.
“ Was haben Sie gesagt, wie war die Dame?”
Der Patient wußte um die Begrenztheit des gesprochenen Wortes und sagte nur leise:
“ …außergewöhnlich…”,
wobei sein Blick etwas fiebriges bekam, so als wolle er ganz weit weg Löcher in die Luft starren… und nach einem Moment nachdenklicher Entrücktheit:
“ aber warum fragen Sie, Doktor, kann es damit zusammenhängen?”
“ Tja, ich würde diese Möglichkeit zumindest nicht ausschließen… ich werde Ihnen vorsichtshalber mal eine Spritze geben.”
Konzentriert zog der Doktor die Spritze auf, während der Patient sein Hinterteil freimachte. Er ahnte, daß es einen wirklichen Wirkstoff für ihn nicht gab und der Arzt ihm lediglich eine Placebospritze verabreichte, um seiner Rolle gerechtzuwerden, ein Ritual, um dem Behandlungsbedürfnis der meisten Patienten nachzukommen. Die Schmerzen der Spritze vermochten den Patienten zumindest kurzfristig von seinen Symptomen abzulenken. Der Doktor empfahl noch Wadenwickel mit essigsaurer Tonerde, kalte Güsse und – wie alle ratlosen Therapeuten -, ein Buch: “der kleine Flirtratgeber” aus der Serie “Lebenshilfe” des Humboldt-Verlages.
Dann kam er zum Abschied:
“ Na dann, alles Gute, gute Besserung und… passen Sie gut auf sich auf!”
In der Türe stehend bemühte er sich um einen Ausdruck von Zuversichtlichkeit. Dem sensiblen Patienten blieb seine tiefe Besorgtheit jedoch nicht verborgen.

A.H.
in den Tagen des Juli 1995

 

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