40 Jahre »Direkte Pfeilersüdwand« („Schertle-Pfeiler“) am Untersberg


40 Jahre »Direkte Pfeilersüdwand« („Schertle-Pfeiler“) am Untersberg

Zur Erinnerung an den Reichenhaller Kletterer Werner Schertle († 1979)
von Renate Schertle und Albert Hirschbichler

Vor 40 Jahren, vom 6. bis 9. Juli 1962, eröffneten Werner Schertle und Heini Steinkötter mit der »Direkten Pfeilersüdwand« am Untersberg die erste Direttissima-Route in den Berchtesgadener Alpen. Bei dem Anstieg durch die 300 Meter hohe, durchwegs senkrechte bis überhängende Wand handelt es sich um eine vorwiegend hakentechnische Kletterei im Schwierigkeitsgrad VI/A3 (VI = der damals höchste Schwierigkeitsgrad in freier Kletterei; A für „artifiziell“ (künstlich) = Bewertung für die Schwierigkeiten beim Anbringen von Haken).
Der mittlere und abweisendste Untersbergpfeiler fällt auf durch seinen gelben, eher unzuverlässigen Fels, durch einen riesigen Überhang im ersten Wanddrittel und durch kompakte Wülste aus grauem Fels im oberen Teil.
Fünf Anläufe und mehrere Biwaks in Hängematten waren nötig, bis die Erstbegeher schließlich überglücklich den Gipfel erreichten.

werner schertle

Die erste Neutour des jungen (damals 24-jährigen) Werner Schertle gehört heute noch zum wildesten und luftigsten, was die Berchtesgadener Alpen an künstlicher Kletterei zu bieten haben. Nach einer Generalsanierung mit modernen Klebebohrhaken konnte der Pfeiler neuerdings sogar frei (d. h. die Haken werden nur zur Sicherung, nicht aber zur Fortbewegung – z. B. zum Festhalten o. ä. – benutzt) geklettert werden. Die Schwierigkeiten erhöhen sich dann allerdings auf den IX. Grad.
Im Folgenden soll die die Geschichte der Erstbegehung anhand der Tagebuchaufzeichnungen des Erstbegehers nachgezeichnet werden.
Im Dezember 1960 stieg Schertle mit Franz Rasp aus Maria Gern (der im Winter 1988 bei seiner 295. Watzmann-Ostwandbegehung tödlich abstürzte) zum ersten Mal in den Pfeiler ein. Ein riesiges, ca. 10 Meter ausladendes Dach im unteren Wandteil umgingen sie auf der Pfeilersüdwand-Route von Hinterstoisser/Kurz (1936), der sie zwei Seillängen und noch ein Stück rechtshaltend über eine Rampe folgten, bis eine Querung nach links in die Falllinie des Pfeilers möglich schien. Schertle führte und gelangte tatsächlich über einen 50 Meter langen Quergang in freier Kletterei zur Mitte des Pfeilers zurück, wo er direkt an der Kante eines riesigen, dachgiebelartigen Überhanges einen Schlingenstand einrichtete (d. h. es gibt dort keinen Platz zum Stehen oder Sitzen, in der Wand eingeschlagene Haken sind der einzige Halt, der Bequemlichkeit halber steht man mit den Füßen in Steigschlingen). Hier reichte es für´s erste einmal. Da vom Standplatz an der Dachkante Abseilen nicht möglich war – man würde am Seilende weit weg von der Wand in der Luft baumeln – mussten die beiden den Quergang zurückklettern. Mit dem Vorsatz, so bald wie möglich im Frühjahr wiederzukommen, seilten sie über die Pfeilersüdwand ab.
Infolge einer Knieverletzung dauerte es jedoch über ein Jahr bis Schertle Ende Mai 1962 die „Arbeiten“ am Pfeiler wieder aufnehmen konnte. Als Kletterpartner wählte er den jungen Heini Steinkötter aus, der damals in Reichenhall bei den Gebirgsjägern stationiert war und der später, in Trient ansässig geworden, noch durch eine ganze Reihe schwieriger Erstbegehungen in den Dolomiten auf sich aufmerksam machte. Vom Stand über dem Giebeldach arbeitete sich Schertle linkshaltend an Haken ins senkrechte Neuland. Als er nach einer Seillänge diffiziler Hakenkletterei einen weiteren Schlingenstand eingerichtet hatte, beendete der Bruch seines Kletterhammers die Bemühungen des Tages.
Am unteren Standplatz, zu dem er sich wieder abgelassen hatte, richteten sich die beiden zur Übernachtung in Hängematten ein. In der Nacht begann es zu regnen, aber im Schutz der Überhänge wurden die beiden nicht einmal nass. Regen und Nebel machten im Morgengrauen das Aufstehen zu einer ungemütlichen Angelegenheit. Als sich das Wetter nicht bessern wollte, stiegen sie ab.
Eine Woche später kamen sie zum Pfeiler zurück. In einem glatten Wulst oberhalb des beim letzten Versuch erreichten Schlingenstandes kam der erste Bohrhaken in den Berchtesgadener Alpen zum Einsatz (für Nichtkletterer: Wenn alle Möglichkeiten, in freier oder hakentechnischer Kletterei weiterzukommen, erschöpft sind, gibt es für den Kletterer zwei Möglichkeiten: a) abseilen oder b) er fertigt mit einem kleinen Handbohrer in mühsamer Arbeit ein ca. 1-2 cm tiefes Loch, in dem ein Spezialhaken verankert wird, mit dessen Hilfe die glatte Passage überwunden werden kann). Fünf Stunden hatte Steinkötter für die Seillänge unter den bereits von unten auffallenden großen Überhang gebraucht. Die beiden staunten nicht schlecht, als sie dort, direkt unter dem weit ausladenden Überhang eine Wandeinbuchtung vorfanden, einen ebenen Boden von 5-6 Quadratmetern, von drei Seiten geschützt, wie eine Insel in einem Meer aus senkrechtem und überhängendem Fels. An diesem idealen Rast- und Biwakplatz richteten sie sich erst einmal für die Nacht ein. Einige Meter links durchzog ein Riss als einzige Durchstiegsmöglichkeit den großen Überhang, an dem – wenig ermutigend – oben auch noch ein waagrechtes Dach herausragte. „Mit diesem riesigen Dachüberhang, mit seinen unterbrochenen Rissen und seiner kaminartigen Höhle werde ich morgen kämpfen. Ich glaube ich werde alles einsetzen müssen, um ihn zu schaffen…“ waren die Gedanken, die Schertle in die Nacht begleiteten.
Ein Gewitter machte den beiden in ihrem geschützten Winkel überhaupt nichts aus. Am Morgen ging Schertle den Überhang an. Es ging schon gut los: der erste eingeschlagene Holzkeil hielt nicht und „rums, schon lag ich zwei Meter tiefer“… Ein Felsköpfl als Zwischensicherung hatte den Sturz zum Glück sogleich aufgehalten. Erneut eingeschlagen hielt der Keil und Schertle arbeitete sich in gelbem unzuverlässigem Fels höher „die Gegend wurde immer überhängender“ und gelangte schließlich unter das den Überhang abschließende Dach. Fast waagrecht in den Seilen hängend gelang es ihm, über der Dachkante einen Haken anzubringen, „er hielt, ich hing an der Kante… der Blick nach unten ist nur Luft…“. Würde einer an dieser Stelle ungesichert stürzen, er würde ohne auch nur einmal die Wand zu berühren bis ganz hinunter fallen… Wegen der großen Seilreibung konnte Schertle gerade noch ein drei Meter höher liegendes kleines Band erreichen, wo er sichere Standhaken schlagen konnte. In gerader Linie zog ein Riss nur mehr senkrecht weiter durch den gelben Fels. Was man hier brauchte waren Spezialhaken (Profilhaken), die die beiden nicht mitführten. Wieder hatte es, wenn auch weit draußen, zu regnen begonnen. Obwohl noch früh am Tag, entschlossen sie sich zum Rückzug.
Der vierte Versuch am nächsten Wochenende sollte eigentlich den Gipfel bringen. Samstag Mittag standen die beiden schon mitsamt der ganzen Ausrüstung über dem großen Überhang. Steinkötter führte im senkrechten Riss weiter. Schon am Morgen waren Nebelschwaden um die Wand gezogen, nun steckten die beiden im dichten Nebel, „ein unangenehmes Gefühl in dieser ausgesetzten Wand…“, noch dazu, da Steinkötter meistens nur unsichere Haken anbringen konnte. Ein starkes Rauschen außerhalb der Wand ließ darauf schließen, dass es schon wieder zu regnen begonnen hatte, und das ziemlich stark. Als dann auch noch Wind aufkam, der den Regen gegen die Wand peitschte, wurde die Stimmung trostlos. Ein weiterer komplizierter Rückzug mit Abklettern und Abseilen war fällig.

Der fünfte Versuch vom 6. bis 9. Juli 1962 brachte schließlich den Erfolg, obwohl
die Bedingungen zunächst nicht gerade günstig schienen. Als sie am Freitag Abend zum Störhaus auf der Hochfläche aufstiegen, setzte plötzlich ein heftiger Schneesturm ein, und in kürzester Zeit wurde – mitten im Sommer – die ganze Gegend weiß… Am nächsten Morgen dichter Nebel, nichts zu machen. Alsi Weiterschlafen, bis im Laufe des Vormittags helle Flecken zwischen den Wolken auf Wetterbesserung hoffen ließen. Schnell durch das Mittagsloch abgestiegen und zum Einstieg geeilt. Erst am späten Nachmittag erreichten sie den Umkehrpunkt über dem großen Überhang. Steinkötter führte und vollendete die beim letzten Versuch begonnene Seillänge. 2_ Stunden benötigte er für 20 Meter schwierigster Hakenkletterei. Schließlich gelang es ihm, eine Seillänge über Schertle, unter einem glatten Wulst einen weiteren Schlingenstand einzurichten. Bei einsetzender Dämmerung verblieb nicht mehr viel Zeit, den Schlafsack und etwas Verpflegung aufzuseilen und die Hängematte zu installieren.
Durch 40 Meter senkrechten Fels getrennt bezog jeder – den Fledermäusen nicht unähnlich – sein Nachtlager in einer kleinen, an senkrechter Wand befestigten Hängematte.
Die Nacht war kalt und klar. Am Morgen musste erst einmal das ganze Gepäck aufgeseilt werden, bevor Schertle zu seinem Kameraden hinaufsteigen konnte. Jetzt wurde es richtig problematisch. Sie standen unter dem ersten von drei schon von unten sichtbaren bauchigen Wülsten mit grauem geschlossenem Fels: „Zum ersten Mal sehe ich sie (die Wülste) aus der Nähe, glatt wie Beton“. Was von unten nicht zu sehen war: An der linken Begrenzung des Wulstes bot eine kleine Verschneidung, wenn auch feucht und schmierig, ein Weiterkommen.
Durch sie konnte Schertle, der wieder die Führung übernommen hatte, an unzuverlässigen, im Riss verkeilten Knotenschlingen den ersten Wulst sozusagen überlisten.
Unter dem zweiten Wulst endete die Verschneidung jedoch und hier sah es, wie Schertle in seinem Tourenbuch vermerkt, „böse aus“. Wie weiter? Ein erster Versuch nach links an langen Eishaken und anderen Spezialhaken brachte ihn über den Wulst, wo er jedoch sofort erkannte, dass es hier nicht weiterging. Eine Vielzahl von Bohrhaken wäre in den völlig glatten Platten oberhalb nötig gewesen. Also zurück und rechts probiert. Die folgende Passage sollte sich als die kniffligste der ganzen Wand erweisen. Es kam alles zusammen, glatter, hakenabweisender Fels, unklare Linienführung und gnadenlose Ausgesetztheit.
Es galt, unter dem Wulst über völlig glatten Fels in einem Pendelmanöver einige Meter nach rechts zu gelangen, bis dahin, wo Schertle eine eventuelle Möglichkeit zu seiner Überwindung ausgemacht hatte. Ein Haken, den er für den Pendelquergang hinter eine Schuppe geschlagen hatte, brach aus und Sekundenbruchteile später fand sich Schertle einige Meter tiefer im Seil hängend wieder. Erneut eingeschlagen hielt der Haken und nach einem enorm zeitaufwändigen und kraftraubenden Manöver gelang es ihm schließlich, drüben unter dem Wulst einen Bohrhaken zu setzen.
25 Meter waren – der Nachmittag war schon wieder weit fortgeschritten – die bisherige Bilanz des Tages. Der Wulst wies dort tatsächlich eine Schwachstelle auf, die sich ganz gut überwinden ließ und, oberhalb, er glaubte seinen Augen nicht zu trauen, genau an der Stelle, an der er über den Wulst kam, zog eine Reihe von Löchern und Rißspuren etwa 20 Meter nach rechts aufwärts durch die ansonsten mauerglatte Wand.
Oberhalb wartete noch der dritte Wulst, ein letztes Fragezeichen, von dessen Ende aber schon die Spitzen von Latschenbuschen über die Wand lugten, die sich, wie sie wussten, auf einem Band am Ende der Schwierigkeiten befanden.
Einige Meter kletterte Schertle noch an Spezialhaken über den Wulst hinaus, bevor es höchste Zeit wurde, zum Bohrhaken unterhalb zurückzukehren und – „restlos fertig, nach 13 Stunden Arbeit“ – ein weiteres Hängemattenbiwak vorzubereiten.
Die Haken gingen schon wieder aus, gerade die Profilhaken, die in dem Gelände am nötigsten waren. Per Zurufe wurde Schertle´s Frau Christl, die sich gerade am Einstieg aufhielt, informiert, in der Hoffnung, dass sie evtl. bis zum nächsten Tag die entsprechenden Haken organisieren könne. Wieder, wie am Tag zuvor, nächtigten die beiden mit einer Seillänge Abstand voneinander.
In der sternklaren Nacht gab es eine freudige Überraschung: „Gegen 12 Uhr rief plötzlich jemand meinen Namen. Franz Rasp war unten am Einstieg, brachte Pofilhaken, normale Haken und Obst…“ Spät am Abend hatte er die speziellen Haken noch organisieren können und war gleich wieder aufgestiegen, um seinen Kameraden behilflich zu sein…
Irgendwie gut nachvollziehbar ist Schertles Tagebucheintrag über das letzte „Aufstehen“ in der Wand: „Am Morgen wollten wir gar nicht aus den Federn, aber um 6.00 Uhr ging es los. Das schwierige Manöver, in der schwankenden Matte aus dem Schlafsack zu kriechen und die Schuhe anzuziehen, machte mich warm…“ Als erstes galt es, die in der Nacht gelieferten Sachen mühevoll über eine 200 Meter lange Reepschnur aufzuseilen.
Anschließend folgte Steinkötter zu Schertle´s Standplatz nach und übernahm die Führung.
Wie umständlich das Überklettern eines an einer senkrechten Wand festgebundenen, in Trittschlingen schaukelnden Menschen ist, kann sich wohl auch der Nichtkletterer vorstellen.
Bald war Steinkötter am höchsten Punkt angelangt.
Schertle konnte seinen Kameraden über dem Wulst nicht mehr sehen.
Nur aus dem ruckartigen Auf und Abgleiten der Seile durch seine Hände konnte er die Schwierigkeiten, mit denen sein Kamerad zu kämpfen hatte, erspüren. Obwohl es mit Hilfe der neuen Haken immer ganz gut weiterging, war es schon wieder Mittag geworden „…die Nerven fieberten bei jedem Wort … noch 15, noch 10 Meter zum Latschenbusch…“. Endlich,
mit einem Freudenschrei – „wir haben es geschafft, das Gelände wird leichter“ – erreichte Steinkötter gegen 14 Uhr das latschenbewachsene Band.
Nachdem sie ein letztes Mal die Rucksäcke aufgeseilt hatten, kletterte Schertle über den „nur leicht überhängenden Ausläufer des dritten Wulstes“ zu seinem Kameraden hinauf, zum ersten vernünftigen Standplatz seit der Nische unter dem großen Überhang:
Ein ebener Fleck, auf dem man stehen und sogar sitzen kann, ist im Alltag der meisten Menschen wohl kein besonders aufregendes Ereignis oder Anlass für überschwängliche Freude. Am Ausstieg des Schertlepfeilers, nach 200 Meter senkrechter bis überhängender Kletterei ist das anders: es ist der pure Luxus oder (fast) wie im Paradies.
So nannten die beiden das kleine Band, auf dem man sich richtig hinsetzen konnte „Latschenparadies“.
Nach einer Pause und nachdem sie ein kleines Wandbuch in einer Dose hinterlegt hatten,
machte sich Schertle an die letzten Meter, die keine nennenswerten Schwierigkeiten mehr bereiteten. Um 16.00 Uhr standen beide oben am Pfeilergipfel, überglücklich, wo sie von Schertle´s Frau Christel, Freunden und der Wirtin vom Störhaus samt Dackel Dolly empfangen wurden. „Endlich ist er uns gelungen, nach so vielen Versuchen, der Durchstieg durch den Mittelpfeiler des Berchtesgadener Hochthrons … über unsere unendliche Freude kann man wenig schreiben…“ schrieb Schertle später in sein Tagebuch. Gemeinsam zogen sie zur Hütte, wo es noch ein Festessen gab, bei dem auch am Wein nicht gespart wurde.
150 Haken hatten sie geschlagen, vier Holzkeile und sieben Bohrhaken, 42 Stunden reine Kletterzeit im fünften Anlauf benötigt für die 300 Meter hohe Wand, der ersten „Direttissima“ in den Berchtesgadener Bergen. Die »Direkte Pfeilersüdwand« am Untersberg war die erste einer Reihe großartiger Erstbegehungen, die Werner Schertle in den folgenden Jahren durchführte.
Im gleichen Jahr (1962) folgte die Westverschneidung (V+/A3) des Kleinen Watzmanns (Schertle/Enzinger), 1963 der Blausandpfeiler (VI-/A2) auf der Salzburger Seite des Untersberges (Schertle/Stadelberger) und die Wartsteinverschneidung (VI-/A1) an der Nordseite der Reiteralm (Schertle/Steinkötter). In den Südabstürzen der Reiteralm gelingen seine größten Touren: 1964 mit Klaus Werner die Direkte Südwand (V+/A3) des Großen Mühlsturzhorns, die in gerader Linie mitten durch die steilen Kalkplatten einer der besten Kletterwände der Berchtesgadener Alpen zieht. Wild sind die Routen am Kleinen Mühlsturzhorn: Schon die Zustiege zur Südwand des Ostsporns (A3/VI, Schertle/Werner 1965) und zur Direkten Südwestwand („Christlweg“, VI/A3, Schertle/Hirnsdorfer 1969) sind Unternehmungen für sich. Besonders am Christlweg erwartet den unerschrockenen Begeher bereits am Einstieg, im Schrofengelände am tiefsten Punkt unter gelb-brüchigen Wänden, von wo völlig unzugängliche Gräben bis ins Klausbachtal hinunterziehen, eine Szenerie, wie er sie wilder in den ganzen Berchtesgadener Alpen nicht finden kann. Geboten war neben einigen schauerlich brüchigen Seillängen bis zum großen Plattenband dann eine Vielzahl origineller und schwieriger Passagen in freier und hakentechnischer Kletterei. Den wenigen Begehungen (etwa 7 in 30 Jahren) werden keine weiteren folgen: Beim letzten großen Bergsturz in den Berchtesgadener Bergen am 8. September 1999 lösten sich im Gipfelbereich des Kleinen Mühlsturzhorns ca. 250 000 m_ Fels (mitsamt dem Ausstiegskamin des Christlweges) und stürzten auf die unteren Wandbereiche. Wenige Wochen zuvor noch hatten Mitglieder der Ramsauer Bergwacht die Standplätze einer älteren Route in unmittelbarer Nähe der Ausbruchsstelle mit Bohrhaken saniert, wobei sie sich über die ungewöhnlich locker sitzenden alten Haken gewundert hatten… Weitere Schertle-Routen sind der Ostpfeiler (VI-/A2) am Untersberg (Schertle/Zembsch 1966), die Südverschneidung (V+/A2) des Großen Häuslhorns (Schertle/Stutzig 1967) und ein direkter Zustieg zum 1. Absatz des Südpfeilers (V+/A2) am Hohen Gerstfeld (Schertle/Rasp 1968 ). In den 70er Jahren folgen einige Freiklettereien: der Achenkopf Südgrat (Schertle/Braun-Elwert 1973) und die Grünwandkopf Südostwand (Schertle/Braun-Elwert 1973) im Göllgebiet sowie der „Renateweg“ (Schertle/Selbach 1978) und der Südwestpfeiler (Schertle/Pückert 1978) durch die 450 Meter hohe Südwestwand des Großen Mühlsturzhorns. Die Technoroute durch die abweisende Nordwand des Feuerhörndls (VI-/A3) an der Reiteralm, die Schertle nach langwierigen Vorarbeiten mit verschiedenen Partnern schließlich 1977 mit W.Selbach vollendet, war sein letztes alpines Meisterstück.
Ein ausbrechender Griff im leichten Schrofengelände wenige Meter unter dem Gipfel des Hochstaufens über Bad Reichenhall beendete am 23. Mai 1979 das Leben des bedeutendsten Kletterers des „Direttissimazeitalters“ in den Berchtesgadener Alpen.

A.H./R.S.

 

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