Dru Westwand – Amerikanerführe


Die Amerikanerführe in der Westwand der Dru Sommer 1993

Nach einem ungemütlichen Biwak am Walkerpfeiler waren die Niederschläge eines nächtlichen Gewitters am Morgen zu einer dünnen Eisglasur gefroren. Einige Seillängen hatten wir bei zunehmend miesen Verhältnissen noch hinter uns gebracht. Das als Freud´sche Fehlleistung interpretierbare Hinunterfallen meiner Steigeisen bedeutete das unmißverständliche Signal zum Rückzug, vielmaliges Abseilen über den mühsam erklommenen Aufstiegsweg… Am Abend auf dem letzten Stück des Mer de Glace-Gletschers: Das Wetter hatte vollständig aufgeklart. Weit hinten strahlten, von der Abendsonne in rötliches Licht getaucht, die Grandes Jorasses. Gegenüber das spitzwinklige Felsdreieck der Dru; die Strukturen der Westwand vom schräg einfallenden Licht plastisch hervorgehoben. Immer weiter stiegen die Schatten hoch, bis nur noch die letzte Spitze im hellen Licht lag, ein magischer Anblick. Da oben sollte man auch einmal gewesen sein!
Sommer 1996: ”…hier geht es auch nicht, so ein Mist…” Unschlüssig stehen wir in einer steilen hartgefrorenen Firnrinne, die zum Glacier Nant Blanc hin auch noch abbricht. Die mit Riemen an den Kletterpatschen befestigten Steigeisen an Fritzens Füßen halten nicht so wie sie sollen. Wenigstens hat er noch ein Eisbeil. Meine Steigeisen halten besser, dafür scheinen bei meinem Haselnußstecken, der einem Reichenhaller Kurgast wohl schon zur Wandernadel in Gold verholfen hatte, bevor er in meine Hände gelangt war, die Grenzen der Zweckdienlichkeit ausgeschöpft. Also wieder zurück, das geht ja wieder gut los heute… Wir stochern die Rinne zum Grat hinauf und steigen auf der anderen Seite über einen Schneehang ab in Richtung der Seilbahnstation von Grand Montets.
Für einen fürstlichen Geldbetrag hatte uns die erste Gondel bequem auf 3200 Meter Höhe befördert.
500 Meter tiefer, über eine Scharte und den zerrissenen Gletscher von Nant Blanc erreichbar: der Einstieg zur Westwand der Dru, unser diesjähriges Urlaubsziel. An anderer Stelle probieren wir es noch einmal, hier sind wir richtig. Sogar eine Spur findet sich und ohne Zwischenfälle stehen wir bald am Wandfuß. Das Wetter könnte nicht besser sein, allerdings liegt die Wand am Vormittag im Schatten und es ist noch reichlich kühl. Vor uns liegen 1000 Meter schwierige Kletterei. Die Amerikanerführe: 1962 erstbegangen, laut Führer zunächst wenig wiederholt, ”…bis sich herumgesprochen hatte, daß diese Route in Verbindung mit der Westwandführe von 1952 einen der schönsten extremen Anstiege der Alpen darstellt…”
Um 10 Uhr steigen wir ein. Bis auf einen kleinen wasserüberrieselten Überhang ganz unten, für den die Muskeln noch nicht die angemessene Betriebstemperatur entwickeln konnten, bereitet das Gelände keine besonderen Schwierigkeiten. Das liegt nicht zuletzt an den nervenberuhigenden soliden Bohrhaken, die überraschenderweise an den Standplätzen stecken. Sogar gebohrte Zwischenhaken finden sich. Das nimmt der Sache doch viel vom Ernst. Offensichtlich hatte der Bohreraku aber nur vier Seillängen gehalten, danach ist es wieder aus mit dem Bohrhakenluxus.
Nach einigen Längen im fünften Grad stehen wir bald am Beginn der steilen Rißreihe, durch die die Route kerzengerade und mit ziemlich andauernden Schwierigkeiten hinaufführt. Die erste Rißseillänge (”40 Meter-Piaz”) ist gleich die Schlüsselstelle. Vom oberen Standplatz hängt eine Reepschnur herunter, ohne den Fels zu berühren. Unser Sinn für lebenserleichternde Maßnahmen läßt uns den Zweck der Schnur sogleich erkennen: zum Rucksack-Aufseilen. Fritz ist mit der Führung dran. Rückenfrei, mit unserer ganzen Ausrüstung behangen, klettert er los. Nach einigen Metern ein von unten in eine Schuppe geschlagener Holzkeil. In Piaztechnik, die Füße an der linken glatten Verschneidungswand, die Hände an der Schuppe, macht er sich an den folgenden abdrängenden Riß. Piazen war immer schon eine Frage des Bizeps, der sich dafür nie als zu groß, höchstens als zu klein erweisen kann, was bei Fritz zum Glück nicht der Fall ist. Erleichterung, als er über der heiklen Stelle einen Haken einhängen kann. In ähnlicher Kletterei, jedoch ausreichend abgesichert, geht es weiter bis zum Stand. Es folgen fünf Seillängen in Folge mindestens im sechsten Schwierigkeitsgrad in großartiger Kletterei.
Leider ziehen wie jeden Tag Nebel auf und verhüllen die höheren Gipfel. Bei empfindlicher Kälte bringen wir die letzten Seillängen zum Bloc coince hinter uns. Hier trifft die Amerikaner-Route auf die klassische Westwand von 1952. Der Bloc coince: ein riesiger Klemmblock mit geräumigen Absätzen am Fuße der berühmten 90-Meter Verschneidung. Von hier seilen die meisten Begeher über die Aufstiegsroute wieder ab. Unsere Absicht ist, hier zu biwakieren und am nächsten Tag über die Westwand zum Gipfel zu steigen. Auf den großen Absätzen liegt seltsamerweise metertiefer Schnee. So richten wir ein etwas abseits gelegenes, reichlich kleines Plätzchen her.
Tee wird gekocht und zum Abendessen gibt es das obligatorische Travel-Lunch. Gegen die erste Portion ”Nudeln mit Rindfleisch” ist nichts zu sagen. Der ”Kaiserschmarrn mit Äpfeln” dagegen will sich trotz ausreichender Zufuhr kochenden Wassers und Schütteln der Packung nicht so recht entwickeln. Wir lesen das Kleingedruckte: ”etwas Fett in der Pfanne erhitzen und beidseitig knusprig backen…” Aha… dann löffeln wir die hellgelbe Schmarrn-Soße aus der Packung eben so. Wie so manches im Leben ist auch das bei genauerer Betrachtung im Grunde aber doch ohne Belang. Hauptsache, die Kalorien gelangen in den Magen. Nach 20 Uhr lichten sich auf einmal die Nebel und in kürzester Zeit scheint die Abendsonne wohltuend warm auf unseren Absatz. Stimmungsvoll zerfließen Nebelfetzen an den Wänden und Graten. Der Blick wird frei auf die Granitzacken der Aiguilles von Chamonix, ganz nah auch der Mont Blanc. Mit geschlossenen Augen döse ich vor mich hin, strecke die Zehen in die Sonne und hänge Erinnerungen nach. Zweimal wies er mich ab, bevor er sich im letzten Jahr über den Freney-Pfeiler und Ostern dieses Jahres gleich noch einmal mit Skiern auf das Haupt steigen ließ. Fritz telefoniert noch über Handy mit seiner lieben Frau Gabi. Irgendwie eigenartig, hier zu sitzen, fern der Heimat, auf einem kleinen Absatz in dieser riesigen Wand und die Stimme ganz nah aus dem Plastikgehäuse…
Als die Sonne verschwindet und es kühl wird, kommt die große Stunde unserer Schlafsäcke, die bis dahin nur die Rucksäcke klobig und schwer gemacht hatten. Die Nacht ist das übliche: Wach werden in regelmäßigen Abständen weil irgendein Steinchen so drückt, daß es nicht auszuhalten ist oder ein Körperteil eingeschlafen ist, mit gleichem Effekt. Das Ganze aber unter makellosem Sternenhimmel mit Tiefblick auf Chamonix und Dank der Säcke trotz Minusgraden ohne zu Frieren. In der Früh ist es kühl und ungemütlich, aber es hilft nichts, wir müssen weiter. Die erste Seillänge der 90 Meter Verschneidung führe ich. Es geht mit einer Schuppe los, an der ich erst piaze, bis mir das Schwerkraft-Bizeps Verhältnis nahelegt, daß so des Weiterkommens nicht ist. Im glatten Spalt zwischen Schuppe und Wand verkeile ich irgendwie die Knie und Ellenbogen und winde mich so wurmartig nach oben, begleitet von dem unangenehmen Gefühl, immer kurz vor dem Herausrutschen zu sein. Fast bin ich mit meiner Kunst am Ende, da weist mich Fritz freundlicherweise auf eine kleine Delle in Fußhöhe in der ansonsten ganz glatten Schuppe hin. Die kümmerliche Delle stellt den Schlüssel zum Erreichen eines Hakens dar, der etwas außerhalb des Rißes geschlagen ist. Jetzt geht es gleich viel besser. Dennoch, die Kletterei in der steilen Verschneidung ist durchweg schwierig. Zum Teil sind fehlende Holzkeile durch diverse ”Friends” und Keile zu ersetzen, die vorsichtig zu belasten sind. Aber alles hält und ich erreiche einen unbequemen Standplatz. Die nächste Seillänge geht in dem Stil weiter, dann liegt die Verschneidung hinter uns. Die Schwierigkeiten lassen etwas nach. Ein Riß mit Wassereis ist das größte Hindernis der nächsten Seillängen im oberen fünften Grad, aber den führt Fritz.

Weiter oben komme ich nach einer unangenehmen, erst nach längerem Gefummle mit einem ”Friend” absicherbaren Rißstelle zu einer Nische, in der andere Kletterer größere Plastiksäcke hinterlegt hatten. Neugierig, in freudiger Erwartung brauchbarer oder wenigstens eßbarer Gegenstände öffne ich eine der Tüten. Der Inhalt vermag den Erwartungen leider nicht gerecht zu werden: einer unserer Vorgänger hatte in die Tüte lediglich ein der Tütengröße entsprechendes Geschäft verrichtet… Es riecht fürchterlich, voller Grausen klettere ich so schnell wie möglich weiter. Bald darauf gelangen wir zu einer Kante, die die Westwand von der Nordwand trennt. Auf der anderen Seite geht es weiter. In der Beschreibung steht etwas von ”Bänder und Wandstufen”, die Schwierigkeiten liegen aber immer noch kaum unter dem fünften Grad. Dicke Nebel ziehen wieder um die Wände, als wir die letzten Seillängen zur Schulter des Westpfeilers hinaufsteigen. Endlich stehen wir oben.
Unsere Routenbeschreibung endet hier, der Berg nicht. Wegen des Nebels ist der Weiterweg unklar, ich verfolge ein Band nach rechts, bis es sich über Abgründen verliert, links geht es auch nicht besser. An anderer Stelle finden wir Abseilschlingen über einem südseitig hinabführenden Kamin. Wir sparen uns die letzten Seillängen zum Gipfel und machen uns sogleich an den Abstieg. Der dichte Nebel ist unangenehm, zum Glück finden sich aber immer Schlingen, die den Weg weisen. Viele Male seilen wir ab, insgesamt geht es trotz der schlechten Sicht besser als gedacht. Weit unten, so um 19 Uhr, fällt mir plötzlich ein, daß ich den ganzen Tag außer einem Müsliriegel nichts gegessen oder getrunken hatte, darauf hatte ich völlig vergessen… Ich esse eine Kleinigkeit und leere meine Trinkflasche in einem Zug. Langsam und vorsichtig steigen wir über die letzten Schrofen zum Gletscher hinunter. Bald darauf die Charpoua-Hütte. Nach einigen Dosen Bier und einem dreilagigen Sandwich legen wir uns aus vorwiegend hygienischen Gründen vor der Hütte in die Schlafsäcke und sind froh, daß die Sache wieder so gut geklappt hat. Am nächsten Tag steigen wir bei wiederum wolkenlosem Wetter den landschaftlich sehr reizvollen Hüttenweg nach Montenvers ab. Das Reich von Fels und Eis hinter uns lassend, hinab zu Blumenwiesen und Almrausch, hoch über dem kilometerlangen Gletscherstrom des Mer de Glace, mit Ausblick auf zerrissene Nebengletscher und schroffe Felszacken.
Den Ausflug einen Tag später zum Grand Capucin hätten wir uns eigentlich ersparen können. In dem klettergartenähnlich vernagelten Gelände geraten wir in eine falsche Route, Fritz rutscht auf einer glatten Platte aus und fällt einige Meter ins Seil, wobei er sich den Knöchel aufschlägt und die Hüfte prellt. Nach 100 Metern seilen wir wieder ab… Am gleichen Tag noch machen wir uns auf die Heimreise. Etwas lädiert (Fritz) und abgemagert (4 Pfund, ich), aber glücklich, kommen wir am nächsten Tag wieder nach Hause.
Der Schreiber will durch diese Geschichte weder zur Nachahmung anregen, noch den Eindruck erwecken, daß eine Besteigung der Dru-Westwand oder der Klettersport überhaupt irgendeinen Nutzen für irgendwelche Mitmenschen oder die Gesellschaft insgesamt beinhalten könnte. Oder doch? Konrad Lorenz weist in seinem Essay über die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit auf eine Gefahr hin, die Tier und Mensch gleichermaßen betreffe: nämlich bei Tieren die körperlichen Veränderungen, die im Zuge der Haustierwerdung regelmäßig auftreten. Muskelschwund und Fettansatz samt resultierendem Hängebauch, Verkürzung der Schädelbasis und der Extremitäten seien typische Domestikationsmerkmale, die interessanterweise bei Mensch wie Tier allgemein als unschön empfunden würden. Nach Lorenz besteht die evolutionsbiologische Erklärung für diese unsere Bewertungen darin, daß unsere Werturteile auf eingebauten Mechanismen beruhen, die ganz bestimmten, der Menschheit drohenden Verfallserscheinungen einen Riegel vorschieben sollen. Aus dieser Sicht leisten wir Bergsteiger zweifellos einen wertvollen Beitrag gegen degenerative Verfallserscheinungen der menschlichen Art überhaupt.

A.H.

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