»Nur« die Staufen-Nordwand


Aus der Reihe: Geschichten von unbedeutenden Bergsteigern an unbedeutenden Bergen

Die meisten werden ihn nicht beachten, im Vorbeifahren auf der Autobahn München-Salzburg, höheren Zielen zu, wie Watzmann, Göll, Mühlsturzhorn, Hochkönig… Den Hochstaufen (1771m), einen eher unscheinbaren Berg in Höhe Ausfahrt Bad Reichenhall, rechts. Der gebräuchlichste Anstieg führt von Süden in 2 bis 3 Stunden auf den Gipfel. Weder senkrechte Kletterwände, noch eine prestigeträchtige Gipfelhöhe erwarten den Bezwinger, dafür aber eine schöne Aussicht, Bier und Würstelsuppe in dem im Sommer bewirtschafteten Reichenhaller Haus, wenige Meter unterhalb des höchsten Punktes. Wer aber entsprechend schlechte Verhältnisse im Winter abwartet und dann die Nordwand als Aufstiegsroute wählt, kann sich den Gipfelsieg auch hier nicht unwesentlich erschweren, wie es der Autor folgender Geschichte nicht ganz absichtlich in den Januartagen des Jahres 1996 erleben durfte.

Unabhängig voneinander wollten wir schon lange Zeit die Nordwand unseres Hausberges einmal im Winter gehen: Wolfgang, Bernhard und ich… In den Tagen des Januar führte uns das Schicksal oder wie man es auch immer bezeichnen mag, zu diesem Zweck zusammen. Die Verhältnisse schienen günstig und keiner hatte etwas anderes zu tun. Als Treffpunkt wurde 8.30 Uhr vereinbart. Am Abend zuvor galt es für Bernhard und mich aber erst einmal, beim ”Salsa”-Tanzabend in Salzburg eine gute Figur abzugeben, was Bernhard zweifellos gelingt. Mit der Gelassenheit desjenigen, der sich aus dem sicheren Hafen der Ehe nur vorübergehend ins unsichere Gewässer nächtlicher Vergnügungen zu begeben braucht, führt er unsere mitgebrachten, durchweg nicht unansehnlichen Tanzpartnerinnen über die Tanzfläche. Cool, als hätte er tagtäglich nichts anderes zu tun, inszeniert er ”Salsa”- Figuren und Einlagen. Die Mädchen schauen ganz verzückt. Dummerweise finde ich ausgerechnet heute den richtigen Tritt nicht, denke zuviel, anstatt ”es” tanzen zu lassen. Mit einer Mischung aus Selbstmitleid und Neid beobachte ich Bernhard, den Galan, der sich heute auf das Müheloseste die Gunst der Frauen ertanzt. Ich versuche mich mit dem Gedanken zu trösten, daß ich ja in erster Linie Bergsteiger bin, ohne mir damit wesentlich helfen zu können, denn für Bernhard gilt schließlich das gleiche. Um 2.00 Uhr in der Früh beschließen wir erst einmal einstimmig, den Aufbruch ins Gebirge auf 10.00 Uhr zu verschieben. Um 3.00 Uhr komme ich endlich ins Bett… Gnadenlos läutet der Wecker zu vorgegebener Zeit. Vor der viel zu kurzen Schlafverlängerung muß noch Wolfgang über unseren Entschluß benachrichtigt werden, der zunächst kein Verständnis aufbringen kann. Er scheint selbst kaum früher ins Bett gekommen zu sein.
Pünktlich um 10.00 Uhr treffen wir uns in Urwies. Die erste wichtige Frage ist die der Ausrüstung: kein Seil, ein 20 Meter Schnürl oder ein richtiges Seil stehen zur Auswahl. Wolfgang erzählt nebenbei, daß die winterliche Staufen-Nordwand schon zu Nachkriegszeiten ein beliebtes Ziel seiner beim Forst tätigen Kollegen gewesen sei, besonders bei Vollmond. Ein Pidinger Sportsmann, regional bekannt unter dem Namen ”Salomon-Sepp” habe unsere geplante Tour außerdem schon mit Skiern befahren. Unter Berücksichtigung dieser Informationen plädiere ich für die Mitnahme keines Seiles oder höchstens des 20 Meter Schnürls für alle Fälle… Keiner kennt die Steilrinnen links der Gipfelfallinie allerdings von einer eigenen Begehung, wenn nun doch Blankeis, Schrofen… Bernhard beendet die Überlegungen indem er das lange Seil ergreift und mit einem knappen Kommentar ”Kas” oder so ähnlich in seinem Rucksack verstaut. Nun dafür trage ich das andere Kletterzeug: Zwei Klemmkeile, einige Leichtkarabiner und drei alte Reepschnurschlingen, vorsichtshalber nehme ich sogar noch einen 2,5er ”Friend” mit. Dafür, wo der Oberförster bei Vollmond marschiert und uns vielleicht Skifahrer entgegenkommen, sollte die Sparausrüstung genügen. Steigeisen und Pickel werden an die Rucksäcke geschnallt und schon kann es losgehen. Schon ist übertrieben, denn der Uhrzeiger steht mittlerweile auf 10.30 Uhr.
Bald stehen wir am Fuß Wand. Eine richtige Wand ist es eigentlich ja nicht, relativ flache Schneerinnen ziehen hinauf. Meine Argumente, zu einer Rinne weiter rechts zu queren, finden keinen Anklang. Die unweit entfernte Rinne drüben ist mir von sommerlichen Begehungen her bestens bekannt. Die nordwestseitige Lage prädestiniert sie für Feierabendsport. Im warmen Licht der untergehenden Sommersonne durchstieg ich sie im Sommer zuvor, bekleidet nur mit Badehose und Steinschlaghelm, die Kletterpatschen an den Füßen, eine schöne Erinnerung… Danach verfuhr ich mich mit dem Mountain Bike im Finsteren im Forststraßenlabyrinth des Hinterstaufens und gelangte erst nach einer stundenlangen nächtlichen Irrfahrt ohnegleichen wieder ins Tal, – weniger schön. Besonders Wolfgang führt aus, daß die richtige ”Original”-Nordwand sich links befinde. Er habe die Wand selbstverständlich auch ausführlich studiert: wahrscheinlich komme man ohne Felsberührung über mehr oder weniger steile Schneerinnen bis zum Gipfel. Das ist ein Argument und so steigen wir links hinauf. Die Rinne ist wirklich gutmütig, wenig steil und mit besten Schneeverhältnissen. Wo der Schnee härter wird, ziehen wir die Steigeisen an. Reibungslos geht es weiter und in kurzer Zeit gewinnen wir beträchtlich an Höhe. Weiter oben wird die Rinne immer steiler und enger, aber noch nicht so, daß man sich etwas dabei denken müßte… Bernhard geht voraus und tritt die Stapfen. Aber dann: ca. 50 Meter unterhalb des Grates der Steinernen Jäger endet unsere Rinne, geht über in eine annähernd senkrechte stumpfe Verschneidung mit offensichtlich wenig Sicherungsmöglichkeiten, der Fels ist zudem völlig vereist. Hier ist des Weiterkommens nicht, bloß wo sonst? Links? Völlig unmöglich! Die einzige Möglichkeit führt rechts aus der Rinne heraus, um über steile, brüchige und vereiste Schrofen zu einer anderen Rinne zu gelangen, die weiter rechts vom Gipfel herunterzieht.
Das Gelände sieht wirklich nicht einladend aus, aber wenn wir nicht zurückwollen müssen wir da hinauf. An einem Felsköpfl bauen wir einen Stand, legen die Klettergurte an und sichten erst einmal das Material. Wolfgang hat glücklicherweise ebenfalls ein paar Keile, einen ”Friend” und sogar ein paar Haken samt Hammer eingepackt. Einen dremmeln wir zur zusätzlichen Absicherung gleich hinein. Fragend liegt das Seilende im Schnee. Keiner will es aufgreifen. Da ich der einzige bin, der nicht Weib noch hungrige Kindermäuler zu versorgen hat, binde ich mich halt ein. Höflichkeitshalber frage ich noch, keiner hat etwas dagegen… Ich hänge mir die Ausrüstung an den Gurt und steige los. Trotz oder vielleicht gerade wegen der zu erwartenden Widerwärtigkeiten verspüre ich durchaus so etwas wie Kampfgeist, Lust mit heiklen Stellen zu raufen, Bewährung… Ein paar Meter geht es noch im Schnee aus der Rinne heraus, die Steigeisen kratzeln aber schon auf Fels. Dann gehts richtig los: die Beine irgendwie verspreizt, rutscht mir die noch behandschuhte Hand gleich vom allerersten Griff und nur mit Glück kann ich das Gleichgewicht halten. Ansonsten wäre ich gleich die paar Meter zurück in die Rinne gepurzelt, den anderen vor die Füße, was sicherlich keine besonders gelungene Startvorstellung abgegeben hätte. Ich schaue zurück, die anderen haben die Heikligkeit der Situation offenbar nicht bemerkt. Vorsichtig komme ich über die erste unangenehme Stelle hinauf. Darüber lege ich erst mal einen Keil und einen ”Friend”. Eine Art Riß zieht reichlich steil durch die schrofigen Felsen, die brüchigen Griffe scheinen vom Frost gefestigt. In wirklich heikler Kletterei komme ich sehr langsam höher, kann mittendrin noch eine halbwegs gute Sicherung legen, bevor mich ein ”run out” lange Meter über Gelände, wie ich es noch nie leiden mochte, erwartet. Oft greifen die Frontalzacken der Steigeisen nur in einer zentimeterdünnen Eisauflage auf den Felsen, zum Teil nur in gefrorener Erde. Mit größter Vorsicht eiere ich viele Meter über der letzten Zwischensicherung herum. Endlich gehen die Schrofen wieder in Schnee über, das Seil ist auch schon gleich aus. Da stehe ich nun im steilen Schneehang, weit und breit keine Möglichkeit für eine Standsicherung. Ein Haken ist so wenig unterzubringen wie ein Keil. Als letzte Möglichkeit fällt mir nichts Besseres ein, als da wo ich gerade stehe, den Schnee wegzuräumen und tatsächlich: wunderbarerweise kommt ein Felsköpfl zum Vorschein. Ich lege es frei, ein Teil bricht dabei gleich weg. Die andere Hälfte schaut zwar fest aus, ich bin mir aber nicht sicher, ob es nicht doch bloß festgefroren ist. Also weitersuchen: einen Meter daneben kommt, man glaubt es kaum, eine Sanduhr zum Vorschein. Nach ewig langen nervenaufreibenden Fädelungsmanövern gelingt es mir endlich, das Seil durchzubekommen. Der Stand ist sicher. Aber gedauert hat das eine halbe Ewigkeit. Die Kameraden frieren schon jämmerlich in der Rinne unten. Da wir nur ein Seil haben, müssen beide gleichzeitig nachsteigen, mit einigen Metern Abstand ins Seil gebunden. Anders als ich benutzen sie die Eispickel beim Klettern, hacken die Hauen in dünnes Eis, Rasenpolster und Erde, als erster hätte ich mich das nicht getraut. Von oben gesichert kommen sie schnell, aber doch reichlich entnervt über die Länge herauf.
Bernhard führt die nächste Seillänge, das Gelände ist flacher und die Schrofen sind von einer ziemlich soliden Schneeauflage bedeckt. Sie macht wenig Schwierigkeiten. Unsere Hoffnung, oberhalb leichteres Gelände vorzufinden oder wie beabsichtigt in die Rinne nach rechts queren zu können, zerschlägt sich seifenblasenartig. Rechts wie links zeigt sich das Gelände unbegehbar, es gibt keine Ausweichmöglichkeit. Das einzige, wo es überhaupt gehen könnte, ist gerade hinauf. Ein Riß zieht schräg durch ein steiles Wandl, wegen der Steilheit zwar nicht so vereist wie die untere Seillänge, aber immer noch ausreichend mit Schnee und Eis versehen. Dem geübten Blick ist es von vorneherein klar, daß die Passage bei diesen Verhältnissen der Grenze der für unsereins bewältigbaren Schwierigkeiten bedenklich nahekommen dürfte. Nach 4.00 Uhr ist es mittlerweile geworden, die vorher hochnebelartige Bewölkung hat sich verdichtet und macht das trübe Licht noch trüber. Zunehmendes Schneegrieseln setzt ein, die Trainingshose schlabbert naß um die Knie. Wir sprechen nicht darüber, aber alle wissen: wenn es jetzt nicht schnell geht, ist ein Biwak fällig und zwar kein angenehmes. Entweder – oder…, mit der Einstellung mache ich mich auf den Weg,.
Nach ein paar Metern finde ich einen alten Haken, rostig und nicht gut geschlagen. Der Weg des geringsten Widerstandes führt mich ein paar Meter nach rechts hinauf, bis zu einer Stelle, wo sofort klar ist: hier geht es nicht. Die einzige Möglichkeit ist, einige Meter nach links zu dem Riß zu queren, der dort nach oben zieht. Einen dünnen Latschenast binde ich ab als einzige Möglichkeit einer Sicherung, dann wird es äußerst heikel. Als Tritte bieten sich lediglich ein abschüssiges hartgefrorenes Rasenpolster und ein ebenso abschüssiger Reibungstritt an, für den die Plastikschuhe nun wirklich nicht gedacht sind. Für die Hände gibt es Griffe, an denen außer dem Gleichgewicht nichts zu halten ist. Einige Male setze ich an und mache mich mit den Griffen und Tritten vertraut, bevor ich durchziehe und drüben den Riß schnappe. Schnell die Füße nachgezogen, erleichtert stehe ich drüben. Die Stelle war im Grenzbereich, dennoch verspüre ich heute, anders als manches mal sonst, keinerlei Nervosität. Es mußte einfach gehen. Konzentration und kalte Gelassenheit ließen die Angst zu stürzen nicht aufkommen. Im Riß geht es wieder besser, ein Köpfl, weiter oben ein Keil ermöglichen optimale Zwischensicherungen. Der Riß endet an einer geneigten, dafür aber glatten Felsplatte. 3 Meter oberhalb beginnt eine dünne und offensichtlich harte Schneeauflage. Ich ziehe den Pickel aus dem Rucksack und steige, an einem Haken und über eine Zackenschlinge gut gesichert, auf Reibung auf die Platte, hacke den Pickel oben hinein und ziehe mich daran hoch. So gelingt es, wieder einen guten Griff zu erreichen. Die Stelle liegt hinter mir. Ich hoffe, es möge die letzte sein. Einige Meter geht es über griffigen Fels höher, dann, das darf doch nicht wahr sein: der Fels endet in bröseliger, gefrorener Erde, nur einige Meter von dem Schneefeld entfernt, das das Ende der Schwierigkeiten bedeuten muß! In der Mitte schaut ein Griff heraus, der zum Glück fest ist. Diesem habe ich es im wesentlichen zu verdanken, daß ich auch da noch hinaufkomme. Endlich wieder Schnee unter den Füßen, knietiefer weicher Schnee! Etwas höher eine verschneite Gratrippe. Stand weit und breit keiner. Ich steige die Rippe hinten ein paar Meter hinunter und überlege mir, ob das Gewicht von zwei Menschen in der Lage sein kann, mich nach oben aus dem Stand zu ziehen. Nein, also Stand! Erleichtert kommen die beiden nach, Wolfgang als erster. Die Steigeisen hat er nicht ausgezogen, das geht natürlich so nicht. Mit angemessener Seilunterstützung kommt er aber flott herauf. Bernhard bewährt sich wieder einmal bestens, als Schlußmann hätte sein Ausrutschen die Folge, daß zwei Mann am Seil hängen. Ohne Zwischenfälle, aber noch entnervter als unten kommen die beiden am Stand an. Es dämmert bereits leicht, als Bernhard und ich das Seil aufschießen.
Wolfgang tritt einstweilen die Spur über den harmlosen Schneehang zum Gipfelplateau. 5.00 Uhr ist es schon vorbei, als wir endlich oben im ebenen Gelände aussteigen. Die Erleichterung läßt sogar mir, dem die Introversion in die Wiege mitgegeben wurde, einen Juchhu-Schrei über die Lippen kommen. Glücklich reichen wir uns die Hände. So froh waren wir noch nie, am Staufengipfel zu stehen. Der Wind fegt Schneeflocken von Westen her über die Gipfelfläche. Dämmerung macht sich breit, als wir die Ausrüstung einpacken und das einzige Bier leeren. Im Laufschritt machen wir uns an den Nordabstieg. Der Weg ist größtenteils schneebedeckt und schon nach kaum mehr als einer halben Stunde kommen wir zur Steiner Alm und zur Forststraße. Im Dunklen, – eine Taschenlampe hat natürlich keiner dabei -, tappen wir hinunter bis bei der Moar-Alm Licht hinter den Fensterscheiben auf gastfreundliche Menschen und Biervorräte hoffen läßt. So ist es: wir treten ein zu Wärme, Licht und Weißbier und denken uns, wieviel schöner es doch hier ist, als oben in finsterer Nacht in der schneebegrieselten Nordwand zu sitzen. Für den Abstieg auf der völlig vereisten Forststraße ziehen wir ein letztes Mal die Steigeisen an…

So war das in der Staufen-Nordwand. Mit Kletterstellen, die den im Sommer begangenen Freney-Pfeiler am Mont Blanc und die kurz zuvor durchstiegene winterliche Watzmann-Ostwand an Heikligkeit und Gefährlichkeit bei weitem übertrafen. Jetzt reicht es wieder für einige Zeit! Zwei Fragen beschäftigen mich aber noch immer: wo ist der Salomon-Sepp mit den Skiern gefahren und wo der Oberförster bei Vollmond spaziert?


Der Autor: Albert Hirschbichler, geboren 1957 in Bad Reichenhall, passionierter Bergsteiger seit seinem 16. Lebensjahr, mit besonderer Vorliebe für die Berchtesgadener Berge; arbeitet als Psychologe in einer großen Rehabilitationsklinik in seiner Heimatstadt. Beginn schriftlicher Aufzeichnungen von Bergerlebnissen zum Zeitvertreib seit dem letzten Jahr, mit dem Bemühen, die Dramatik der Ereignisse mit einem Schuß Humor zu garnieren…

 

A.H. 2/96

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