Mit dem Handbike am Karakorum Highway


Jahrelang hatte meine Schwester schon versucht, mich für eine Reise nach Pakistan, ihre Lieblingsurlaubsregion, zu gewinnen. Bis dahin erfolglos. Pakistan: nicht behindertengerecht, Probleme mit der Verdauung, Taliban, Bomben usw… nichts für mich, dachte ich. Irgendwann überlegte ich es mir doch anders, bevor ich noch zu alt werde. Von München über Dubai geht der Flug nach Islamabad. Dort eine Übernachtung und erste Eindrücke vom Land, am nächsten Tag lange Wartezeit und Ungewissheit, schließlich wird doch geflogen, um 17 statt um 9 Uhr. Eine dreiviertel Stunde dauert der Flug nach Skardu, die Hauptstadt Baltistans. Wäre der Flug ausgefallen, wir hätten die 700 Kilometer mit dem örtlichen Bus zurücklegen dürfen, Fahrzeit 12 bis 18 Stunden, weniger empfehlenswert. Der Flug am Nanga Parbat vorbei ist eindrucksvoll, für schwache Nerven gewöhnungsbedürftig der Landeanflug durch die Indusschlucht, ziemlich nah kommen die Felsen und Hänge links und rechts der Tragflächen. Quasi zur Begrüßung liegt im Sand neben der Landebahn das Tankfahrzeug, das eigentlich das Flugzeug hätte auftanken sollen, aber leider zuvor umgestürzt ist.

Die ersten Tage vergehen mit Besuchen des Basar und Besichtigung der Bauprojekte meiner Schwester, die mit ihrem Verein „Himalaya-Karakorum-Hilfe“ ohne viel Trara darum zu machen, eindrucksvolle Sachen zustande bringt, z. B. das Heim für 130 Kinder aus dem nahen und doch so fernen Braldotal. Nur so wird für diese ein Schulbesuch möglich, mit der Möglichkeit, anschließend einen qualifizierten Beruf zu erlernen. Die Lebens- und Existenzbedingungen der Menschen dort sind so unglaublich, dass ich hier mit einer Beschreibung erst gar nicht anfangen möchte. Die meisten besitzen kaum mehr, als sie auf dem Leib tragen. Ein Bankkonto hat – braucht – so gut wie niemand. Aber die Menschen sind ganz offensichtlich froher und zufriedener als bei uns, was doch verwunderlich ist und worüber man einmal nachdenken sollte.

Schließlich zu meinem Projekt: Vom Karakorum Highway hatte ich daheim schon gehört. In Pakistan vier Wochen nur herumsitzen, das ist auch nichts, dachte ich mir. Von Gilgit auf 1500 Meter geht’s über 270 km zum Khunjerab-Pass an der Grenze zu China, 4733 Meter hoch, und asphaltiert auch noch, das wär doch mal was… Mit dem Handradl in Mont Blanc Höhe herumfahren, das stellte ich mir interessant vor. Zu fünft brechen wir vom Hotel in Skardu mit einem Jeep auf: Der Chauffeur ein junger Bursche namens Mateen, Bärbel, ihr Mann Rasool, Annette, die Kamerafrau aus Salzburg, die einen Film über die Hilfsprojekte dreht und ich, das Rad am Dachträger festgebunden. Die Fahrt durch die Indusschlucht erfordert bedingungsloses Vertrauen in den Fahrer und das Vehikel, besonders die Bremsen. Bekanntlich besteht die landesübliche technische Überprüfung der Fahrzeuge aus gelegentlichen Fußtritten gegen die Reifen. Nach etwa acht Stunden Fahrt (für 130 km) kommen wir in Gilgit an, scheinbar ein unruhiges Pflaster, Militär ist überall präsent, mitten in der Stadt sind Straßensperren zu passieren.

Wir finden ein nettes Hotel. Am nächsten Vormittag starten Bärbel und Rasool in der Früh schon in die Stadt, um ein Fahrrad zu erstehen. Wir anderen warten und warten, gegen Mittag kommen sie schließlich wieder daher, ohne Rad. Der einzige Fahrradhändler hat geschlossen, keiner weiß warum, er müsste eigentlich da sein. Auch telefonisch ist er nicht zu erreichen.
Mit viel Glück finden wir dann doch noch ein Rad, es war eigentlich schon verkauft, der Käufer wollte nur noch das Geld holen. Ein beträchtlicher Aufpreis überzeugte den Händler dann jedoch von der für uns existentiellen Bedeutung eines Fahrraderwerbs. Nichts geht und alles geht liegen nah beisammen in Pakistan. Nachmittag ist es schon. Eigentlich sollte die erste Etappe des Highways schon hinter uns liegen. Jetzt aber los, nur noch tanken! Aber da haben wir gleich das nächste Problem: In ganz Gilgit gibt es heute kein Benzin, und vermutlich morgen auch nicht. Auch das Problem wird pakistanisch gelöst. Die guten Beziehungen Rasools zu maßgeblichen Personen führen zu einem Anruf einer dieser Personen bei der Tankstelle, worauf uns 25 Liter Diesel ausgehändigt werden. Scheinbar ewig dauert es noch, bis wir aus Gilgit herauskommen. Zwischen uns und dem Karakorum Highway befindet sich nur noch ein ziemlich großer Fluss. Endlich eine Brücke, und 4 Uhr Nachmittag ist es auch schon. Jetzt geht es aber wirklich los mit dem Radln, und gleich ordentlich bergauf, bei etwa 30 Grad im Schatten. Die Steigung zieht sich, endlich oben geht es gleich wieder hinunter, fast die ganzen Höhenmeter wieder vertan – und das ist oft so bei der ersten Hälfte der gesamten Wegstrecke, wie wir bald merken.

Gut 40 Kilometer kommen wir heute bloß. Es dämmert schon leicht, als wir plötzlich ganz unvermittelt unter dem Rakaposhi, beinahe 7800 m hoch, stehen. Von der Straßenbrücke geht es mehr oder weniger in einem Schwung über 6000 Meter hoch bis zum Gipfel, der im goldenen Licht der Abendsonne wie nicht zu dieser Welt gehörig herunterschaut. Wir stehen vermutlich unter der höchsten durchgehende Steilflanke der Welt. Zum Glück steht da auch noch ein Hotel. Am nächsten Tag geht es weiter, immer dem Hunzafluss folgend, nach Karimabad. Ein schöner Ort, drum residierte dort lange der Mir von Hunza, der Landesfürst, der sich das Fortkommen gern mit Privathubschrauber erleichterte. Das Hotel ist nett, Garten mit Wiese und schöner Aussicht, besonders auf den Ultar, einen Siebentausender direkt oberhalb. Zu den Hotels im Hunzatal ist grundsätzlich zu sagen, dass man immer wieder ganz ordentliche vorfindet, die durchaus unseren Standards genügen, wenn man bereit ist, die für dortige Verhältnisse sehr hohe Summe von 10 bis 15 Euro (für viele dort ein halber Monatslohn) pro Übernachtung auszugeben. Ich bin total müde und schlafe am Nachmittag auf einer Matte im Gras.

Der dritte Tag beginnt wieder mit einer langen Steigung. Die Landschaft ist wirklich großartig. Die Strasse führt durch eine Schlucht mit gewaltigen Dimensionen, die Berge ringsum sind immerhin sechs- bis siebentausend Meter hoch. Immer wieder meint man, dass es gleich nicht mehr weitergehen kann und die Welt zu Ende sein muss, und bald darauf weitet sich das Tal, es wird wieder grün, Felder tauchen auf, Dörfer. Heute kommen wir bis zum 2600 Meter hoch gelegenen Passu im Gebiet des Batura. In Gulmit kurz davor erreichen die Gletscher fast den Talboden. Rau wirkt hier alles. Man ahnt die ganz hohen Schneeberge, die ziemlich in der Nähe liegen. Auch hier findet sich eine schöne Unterkunft. Am nächsten Tag ist ein Ruhetag angesagt. Bei bewölktem Wetter fahre ich am Nachmittag doch noch los, um die Etappe des nächsten Tages zu verkürzen. Ganz allein fahre ich durch eine Landschaft, wie man es sich wilder kaum vorstellen kann. Heftige Windböen peitschen mir Regentropfen ins Gesicht und wirbeln den Staub auf. Kaum noch Vegetation hält sich hier, Blockwerk und Schotter überall, schließlich sehe ich ins Tal des Baturagletschers. Dort hinten ist es passiert vor 50 Jahren, Wettersturz und Schlechtwetterperiode, viel Neuschnee, als man wieder hinaufsah, waren Lager und fünf Menschen – einschließlich unseres Vaters – spurlos verschwunden. Wie schnell das Leben vorbei sein kann. Die Schlucht verengt sich und der Wind wird so stark, dass ich nicht mehr weiterfahren kann. Zwei kurze Gegenanstiege liegen auf dem Rückweg, sonst rollt es von allein. 10 Kilometer waren es auch.

Am nächsten Tag geht es weiter nach Sost, 40 Kilometer, froh bin ich über die 10 Kilometer, die ich am Tag zuvor schon fuhr. Sost auf knapp 3000 Meter Höhe ist der letzte Ort mit Schlafgelegenheit. Bis hierher fahren die großen chinesischen Containertrucks, die dort umladen und über den Khunjerab wieder zurückfahren. Noch 80 Kilometer bis dorthin. 30 davon schaffen wir am Nachmittag noch bis zum Straßenposten in Dhee. Die Räder werden eingestellt, mit dem Jeep geht ´s zurück nach Sost. Dubioses Volk, zwielichtige Gestalten bevölkern die Siedlung mit dürftigsten Unterkünften aus Wellblech und einigen Läden, was Truck-Fahrer so brauchen. Am besten sieht die Tankstelle aus in diesem staubigen Kaff. Vom Endpunkt des Vortages geht’s im Khunjerab-Nationalpark weiter. Mäßige aber konstante Steigung entlang eines Baches, links und rechts Hänge aus schwarzglänzendem Schotter und Schiefer. Karakorum bedeutet „schwarzes Geröll“. Es ist eine völlig einsame Gegend, ohne Siedlungen, so gut wie kein Verkehr, nur noch die Schlucht und Berge. Weiter oben weht uns ein ziemlich kalter Wind entgegen, man merkt die Höhe von bald 4000 Metern. Zum Schluss geht’s noch mal weit das Tal hinter, schließlich erreichen wir die letzte Militärstation vor dem Pass.

Das Tal teilt sich. In dem einen weiten Tal hinten stehen einsame Schneeberge, unwirtlich, man hat den Eindruck, dass nichts weniger hierher passt als Menschen. Die jungen Soldaten, die hier Dienst schieben, sind durchwegs freundlich. Wochenlang hocken die hier heroben in dem Ödland in nicht beheizbaren Hütten ohne vernünftige Schlafgelegenheit. Decken am Boden, das ist alles. Und sind gut aufgelegt – man begreift es nicht. Noch 14 Kilometer bis zum Pass. Ziemlich müde bin ich. Ein halber Liter Coca Cola und ein Müsliriegel setzen ungeahnte Kräfte frei und ich kann wieder weiterfahren. Hier beginnt die eigentliche Steigung, in Serpentinen überwindet die Straße eine Steilstufe, noch 700 Höhenmeter. Über der Steilstufe weitet sich das Tal und die Straße schlängelt sich in Richtung Passhöhe. Ziemlich kalt ist es, die Schneegrenze ist nicht mehr weit. 5 Kilometer komm ich noch, dann geht die Zeit noch vor der Kraft aus. Im Finsteren wollen wir nicht zum Quartier zurück. Also Schluss für heute. Wir rollen zurück zur Station, wo die Räder eingestellt werden. Wegen der paar Kilometer müssen wir zurück nach Sost und morgen wiederkommen… Aber es hilft nichts, der Pass ist erst da oben aus, und die Landschaft kann man sich schon öfters anschauen.

Befürchtungen wegen des Wetters erweisen sich als unbegründet. Am nächsten Tag ist es wieder schön und sogar etwas wärmer. Bei der Station wird mein Rad aufgeladen, Bärbel fährt derweil schon mal los. Endlich der Punkt, wo wir gestern umdrehten. Ich fühle mich frisch, hoffentlich hält auch das Material noch durch. Die letzten Kilometer machen keine besonderen Probleme. Kurz vor dem Pass ein riesiges Schild mit Ortsnamen und Kilometerangaben über die ganze Straße, wie bei uns auf der Autobahn. Komische Einfälle haben sie schon die Chinesen, die hier für die Strasse zuständig sind. Schließlich kommt die Passhöhe in Sicht, mit der Grenzstation. Drei Kilometer davor hat Bärbel den letzten Platten mit ihrem chinesischen Rad, das zwar nett bunt bemalt, aber ansonsten ein rechter Schrott ist. Schieben gilt nicht. Als Frau mit sportlichem Ehrgeiz fährt sie eben ohne Luft weiter. Die Höhe macht sich erstaunlich wenig bemerkbar, wir haben uns langsam genug angenähert. Schließlich die letzten Meter. Ist es wirklich? Anscheinend, weil da einige Chinesen stehen und uns mit dem Handy fotografieren. Sie grinsen, so etwas haben sie noch nie gesehen. Ansonsten ist es wie nach einer großen Klettertour. Am Anfang ist man nur froh, dass die Anstrengung vorbei ist. Die Tiefe des Erlebnisses kommt später.

 

Erste Befahrung des Karakorum Highways mit Handbike
Datum:             23. 08. bis 29. 08. 2008
Strecke:           Nomal (1500 m) bis Khunjerab Pass (4733 m)
Kilometer:        250
Höhenmeter:     3200 (wegen der vielen Abfahrten sind es aber wesentlich mehr)
Eine Befahrung (mit Handradl) ohne Begleitfahrzeug und ortskundigen Begleiter ist nicht ratsam!
Organisation möglich über www.shipton-trekking.com

Einige Bilder:

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