Warum Menschen auf Berge steigen


Ein beinahe ernstgemeintes Interview mit dem Genbiologen
Prof. Stanislaus Schmarrnovski aus Bratislava

Interviewer: Herr Schmarrnovski, sie sind Verhaltensforscher, genauergesagt Genbiologe. Bei ihren Forschungen über schwer verständliche menschliche Verhaltensweisen sind sie vor kurzem auch auf das extreme Klettern gesto ßen, um nicht zu sagen darüber gestolpert…

Schmarrnovski: Ja, da haben sie recht…

I.: Könnten sie bitte zunächst den Gegenstand ihrer Forschungsarbeit, die Genbiologie, kurz beschreiben?

S.: Ich will es versuchen. Wie fange ich an?… Nun, die Genbiologie befaßt sich grob gesagt mit den genetisch festgelegten Anteilen im tierischen und menschlichen Verhalten. So große Unterschiede wie manche glauben, bestehen da n ämlich gar nicht…

I.: Und was hat das mit dem Klettern zu tun?

S.: Moment, ich bin mit meiner Einführung noch nicht zu Ende… Das eigentliche Grundbestreben alles Lebendigen ist, den eigenen Genen eine nächste Generation zu ermöglichen. Menschen sind wie alle anderen Lebewesen darauf festgelegt, ihren Fortpflanzungserfolg zu optimieren. Dieses Grundgesetz der Natur bezeichnen wir Verhaltensforscher übrigens als biologischen Imperativ.

I.: Der biologische Imperativ sagt also soviel wie ”Du sollst dich fortpflanzen!”…
Entschuldigung, ich verstehe immer noch nicht ganz, was das mit dem Klettern zu tun hat…

S.: Sehen sie nicht den Widerspruch? Kann es aus dieser Sicht etwas Unsinnigeres geben, als freiwillig und zwecklos durch steile Wände zu kraxeln und den Untergang des Lebens und somit auch den unwiderruflichen Untergang der Gene noch vor einer erfolgreichen Fortpflanzung zu riskieren? Nach erfolgter Fortpflanzung sieht es nicht viel besser aus. Der Mann sollte ja als Beschützer und Futterlieferant der Brut, Entschuldigung, den Kindern noch mindestens 15 Jahre zur Verf ügung stehen.

I.: Ich verstehe…

S.: Man sollte meinen, daß Individuen mit Vorliebe für derartig riskante Beschäftigungen langfristig durch Selektionsmechanismen eigentlich von der Bildfläche verschwunden sein müßten. Man muß es so hart sagen…

I.: Bergsteiger gibt es aber nach wie vor…

S.: Ja, natürlich. Aus genbiologischer Sicht ist bei allem Verhalten letztlich die Frage der Kosten-Nutzen Bilanz für den Fortpflanzungserfolg die entscheidende. Und zwar nicht nur auf der Ebene des Individuums, sondern auch auf Ebene der Gattung insgesamt…
Die Kosten liegen auf der Hand: leider verlieren nicht wenige ihr Leben im Gebirge, bevor sie ihren genetischen Code an einen oder mehrere Nachkommen weitergeben konnten und damit sozusagen weiterleben… Aber das Ganze hat selbstverst ändlich auch einen Nutzen…

I.: Und der wäre…?

S.: Nun, da muß ich noch einmal etwas ausholen… Sehen Sie: zum Zwecke der Fortpflanzung ist es für Männchen aller Gattungen natürlich notwendig, mindestens ein Weibchen für sich zu gewinnen. Man könnte es auch anders formulieren: Männchen trachten danach, Weibchen von der Qualität ihrer Gene zu überzeugen und sich so als Fortpflanzungspartner interessant zu machen… Die Weibchen wiederum wählen Männchen nach ganz bestimmten Kriterien aus…

I.: Beim Sex herrscht also Damenwahl??

S.: So ist es, gute Frau, so ist es… Lange Zeit glaubten zum Beispiel die Zoologen, der stolze Platzhirsch treibe sich sein Rudel zusammen. Heute geht man davon aus, daß sich die Hirschkühe die attraktivsten Geweihträger nehmen. Die weibliche Vorliebe richtet sich dabei nach beeindruckenden Körpermerkmalen, die Signale für Kraft, Gesundheit und gute Erbanlagen darstellen…

I.: Ich verstehe…

S.: Bunte Schwanzfedern, Hahnenkämme, große Stoßzähne und vieles mehr dient genau ebendiesem Zweck…

I.: Menschenmänner verwenden dazu wohl Sportwägen, Designeranzüge, Karriere und Ruhm…

S.: Ja, das ist eigentlich alles dasselbe, der eigentliche Sinn des ganzen ist, Weibchen anzulocken…
Lassen Sie mich zusammenfassen: Die Partnerwahl alles Weiblichen wird bestimmt vom unbewußten Kalkül, mit welchem Männchen die Chancen groß wären, gesunde Kinder in die Welt zu setzen… bzw. ich muß es genauer sagen: mit welchem wären in grauer Vorzeit, als wir noch Jäger und Sammler waren, die Chancen groß gewesen. Man kann bei dieser Frage selbstverständlich unsere jahrhunderttausendelange Vorgeschichte nicht außer acht lassen…
Und jetzt frage ich Sie: Wie kann ein Menschenmännchen ein Weibchen überzeugender von seinen Qualitäten überzeugen als durch die Bezwingung senkrechter Felsenw ände??

I.: Da fällt mir jetzt auch nichts ein…

S.: Wer senkrechte Felsen bezwingt, demonstriert auf eindrucksvolle Weise Kraft, Gesundheit und damit gute Erbanlagen. Ein solcherner wird auch in schlechten Zeiten noch Nahrung beschaffen können, wenn alle anderen bereits am Hungertuch nagen… Aus Befragungen weiß man übrigens, wie Frauen sich die M änner wünschen…, wissen sie wie?

I.: Äh, nein…

S.: Er soll muskulös sein, einen kleinen und festen Popo haben und einen V-förmigen Oberkörper…, das ist kein Witz… Signalisiert wird: Ich bin ein guter Beschützer und kann besser laufen und Nahrung heranschaffen als die Konkurrenz…

I.: Aha

S.: Sehen Sie sich doch einmal gerade die sogenannten Sportkletterer an. Gerade die sind für uns Verhaltensforscher ja am interessantesten zu beobachten… Bunt gekleidet in Muskelshirts und knallengen Leggings an den Gazellenbeinen, sieht man jede Muskelfaser… Und die Farben… es ist doch interessant… früher machten sich die Bergsteiger mausgrau oder jagdgrün auf ins Gebirge… Schauen Sie sich einmal die Abbildungen entsprechender Protagonisten des Sportkletterns in den diversen Zeitschriften an, Rotpunkt, um eine zu nennen… Wo man hinschaut neonbunte Farben und bis zum Zerreißen angespannte Bizepse, Bodyshow pur; vergleichbar erscheint mir nur noch das Posing der Bodybilder. Beachten Sie ferner den Schnitt moderner Sportklettergurte: die primären Geschlechtsmerkmale der Männchen kommen so eindrucksvoll wie unübersehbar zur Geltung, es sieht ja teilweise schon fast obsz ön aus…

I.: Das Klettern, -ein Balztanz in der Senkrechten…?

S.: Sie haben es erfaßt, meine Gute…

I.: Aber die Weibchen sehen doch meistens gar nicht zu dabei…

S.: Das macht nichts; Unter den Männchen besteht eine sehr genaue Hierarchie nach Leistung, also wer am verrücktesten die glattesten Felsen hinaufkommt, steht ganz oben in der Rangliste.. Über verschiedene Kanäle erfahren auch die Weibchen sehr wohl, wer der beste ist…
Als zwingendstes Argument für die Richtigkeit meiner Thesen will ich anführen, daß ja wirklich die besten Kletterer meistens die schönsten Frauen um sich scharen. Sie brauchen sich ja nur einmal im Saal umzusehen… Aus genbiologischer Sicht auch völlig logisch… Geld und Muskeln sind bei der Partnersuche das Kapital des Mannes, Schönheit ist das Kapital der Frau, die Liebe ist ein Tauschhandel…

I.: Aber Frauen, Herr Prof., – es gehen doch auch Frauen zum Klettern, warum??

S. (kratzt sich nachdenklich hinterm Ohr): Äh, … das kann ich Ihnen leider auch nicht sagen…

I.: Herr Schmarrnovski , ich danke ihnen f ür das Interview.
A. H. 9/97
(als Hörspiel aufgeführt bei den “Ganghofer Kulturtagen” in Berchtesgaden 10/97 zum Thema: “Frauen am Berg”)

Nachwort:
Sehr geehrte Damen und Herren,
der Schluß mag für manche befremdlich geklungen haben: man muß dazu sagen, daß dieses kleine Stück für eine Veranstaltung der Ganghofer Kulturtage kürzlich in Berchtesgaden entstanden ist mit dem Titel Frau und Berg und dementsprechend einen Hauch Provokation enthält…
es ist aber wirklich so, daß Männer Frauen gegenüber, die im Sport oder sonstwo genauso gut sind wie wir oder sogar noch besser, ein gestörtes Verhältnis an den Tag legen; es mag wohl mit dem traditionellen Rollenverständnis Mann = stark und Frau = schwach und unserer Eitelkeit wenn es nicht so ist, zusammenhängen…
Ansonsten mag das Stück bei aller Satire vom Standpunkt der Evolutionsbiologie her durchaus mehrere Körnchen Wahrheit enthalten…
Nun wollen wir aber zur eigentlichen Veranstaltung des heutigen Abends kommen und meine Schwester Barbara wird einige Bilder aus ihrem reichhaltigen Bergsteigerleben zeigen. Dazu wünsche ich allen viel Vergnügen…

Meine Schwester und Frau Helma Schimke haben mich unverdienterweise für würdig erachtet, einen Teil zu diesem Abend beizutragen…
Die Idee zu diesem hoffentlich nicht zu polemischen Beitrag stammt von mir. Eine Deutung des Bergsteigens aus genbiologischer Sicht ist meines Wissens bisher noch nicht versucht worden, sie wohnten hiermit also einer Premiere bei.
Trotz alles Grotesken enthält die Geschichte nach meinem Dafürhalten auch ein Körnchen Wahrheit…
Als nächstes will ich einige Gedanken zum Besten geben, die mir als Mann ganz spontan zum Thema Frauenbergsteigen eingefallen sind… stichpunktartig…und ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
1. Das extreme Klettern war und ist eine Domäne der Männer
Die Frau ist bestenfalls Seilzweite, eine die brav und flott hintennachsteiges soll, möglichst noch den Rucksack trägt, wenn sie an schwierigeren Stellen um Zug bittet, macht es auch nichts…
im Klettergarten soll sie zum Sichern und Herzeigen geeignet sein (TUZUSI),
es gibt Macho´s, die ihre weiblichen Begleiterinnen nach deren Bereitschaft, für die Führung den sogenannten Fichteltarif zu begleichen, auswählen… Fichtel berühmter Bergsteiger (Fichtelhaken), hat das erfunden; nur Frauen sind in der Lage, diesen Tarif zu begleichen…
2. Frauen, die hervorragend klettern, sind den Männern (den meisten Männern) eher suspekt…
weil sie gegen das klassische Rollenverständnis (Mann stark – Frau schwach) verstoßen und das männliche narzistische Selbstwertgefühl (anders gesagt unsere Eitelkeit) verletzen…
(Klettern, Skitour, Rad)
3. Wenn Männer und Frauen das gleiche machen ist es nicht dasselbe…
Wenn Männer im Sport etwas großes leisten, sind sie tolle Kerle, bei Frauen überlegt man: warum macht die das? warum hat die das nötig? was geht der ab…
Frauen, die Karriere machen geht es genauso…
4. Obwohl Frauen das schwächere Geschlecht sind (was die Muskelkraft betrifft), haben sie oft zum Klettern das größere Talent.
Beim Klettern ist ja nicht sosehr Muskelkraft gefragt, als vielmehr Gefühl und Bewegungskoordination aus dem Bauch, und nicht Hau Ruck… auf Grund langjähriger Beobachtungen halte ich es durchaus für wahrscheinlich, daß die Frauen uns darin überlegen sind
5. Frauen haben am Berg oft die größere Erlebensfähigkeit
Männer sind gern leistungsorientiert, schauen auf die Uhr, haben keine Muße, am Berg nicht und sonst; Frauen sind sensibler was die Natur betrifft und mehr der Betrachtung und Romantik fähig; auch diese Aussage treffe ich auf Grund langjähriger eigener Erfahrungen…
Aus dem Grund waren Touren mit wesensverwandten Frauen meine schönsten…
Ich danke für die Aufmerksamkeit
zum Ablauf des Abends:
1. Interview mit dem Genbiologen Prof. Stanislaus Schmarrnovski aus Bratislava zum Thema warum Menschen auf Berge steigen
2. Dias und Gedanken von Barbara Hirschbichler und Helma Schimke zum Thema Frau und Berg
3. Fragen an die Referentinnen, Diskussion
4. Waldhoftrio, musikalischer Ausklang

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